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Wenn eine Stadt zur Partitur wird

today7. September 2026

Hintergrund

In Algemesí beginnen heute die großen Festtage der „Mare de Déu de la Salut“ – mit Glocken, Dolçaina, Tabal, Tänzen und einer Muixeranga, die nur durch gemeinsames Hören aufsteigen kann

Heute ist Montag, der 7. September 2026. Seit dem frühen Morgen geben die Glocken in Algemesí den Stunden eine besondere Gestalt. Um 7 Uhr erklang nach dem offiziellen Programm der „Toc del Retorn d’Alba“. Mittags folgten Angelus, Festgeläut und das gemeinsame Schwingen der Glocken im Turm der Basilika Sant Jaume Apòstol. Am Abend wird sich der Klang aus dem Turm auf die Straßen verlagern.

Um 21.15 Uhr beginnt die „Processó de les Promeses“, die Prozession der Versprechen. Der aktuelle Festkalender der Stadt Algemesí nennt in ihrer Reihenfolge kurze religiöse Spiele, die beiden Muixeranga-Gruppen, mehrere Tänze, die barocke Prozessionskreuzgruppe, die Tornejants, die getragene Marienfigur und die Musikkapelle. Der feierliche Einzug ist für 0.30 Uhr vorgesehen.

Heute und morgen verdichtet sich damit eine Vorbereitung, die schon am 29. August begonnen hat. Neun Abende lang fanden Gottesdienste, Proben und öffentliche Tänze statt. In der vergangenen Nacht markierten unablässiges Glockenspiel, ein Konzert der Banda Simfònica und die „Nit del Retorn“ den Übergang zu den beiden Haupttagen. Am 8. September folgen die morgendliche „Processoneta“ und am Abend die lange „Processó de Volta General“.

Die Wege sind religiöse Handlungen, städtische Geschichte und große gemeinschaftliche Aufführungen zugleich. Seit 2011 steht die Festa de la Mare de Déu de la Salut auf der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO. Doch das Wort „Kulturerbe“ kann leicht nach Aufbewahrung klingen. In Algemesí lässt es sich heute Abend besser als Tätigkeit verstehen.

Jemand stimmt eine Dolçaina. Jemand prüft die Spannung eines Trommelfells. Kinder wiederholen einen Ablauf, Erwachsene suchen ihren Platz in einer menschlichen Basis. Erst aus diesen einzelnen Handlungen entsteht das, was später wie ein geschlossenes Bild erscheint.

Die Muixeranga ist mehr als ein Turm

Auf Fotografien zieht meist die Muixeranga den Blick an: Menschen stehen auf Schultern, mehrere Ebenen wachsen aus einer dicht verbundenen Basis, oben richtet sich ein Kind auf. Wer nur das spektakuläre Schlussbild sieht, verpasst jedoch einen großen Teil der Form.

Der offizielle Patronat de la Festa erklärt, dass „Muixeranga“ in Algemesí zugleich eine zeremonielle Gruppe, einen Tanz und die dazugehörige Musik bezeichnen kann. Zu ihrer Praxis gehören der „Florete“ genannte Tanz, menschliche Türme und Aufstiege sowie symbolische, figürliche Formationen. Die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1733; in der Festa ist die Muixeranga seither kontinuierlich dokumentiert.

Sie ist daher nicht einfach eine frühe Variante moderner Akrobatik. Höhe allein entscheidet nicht über ihre Bedeutung. Die Figuren stehen in einem Ablauf, besitzen Namen und tragen religiöse oder gemeinschaftliche Bezüge. Körper bilden für einige Augenblicke ein Zeichen. Danach wird es wieder aufgelöst – behutsam, Ebene für Ebene.

Diese Vergänglichkeit gehört zum immateriellen Erbe. Ein gebauter Turm kann fotografiert werden, doch die eigentliche Fähigkeit liegt in Menschen: im Wissen, wie Füße gesetzt, Schultern belastet und Bewegungen abgesprochen werden; im Vertrauen zwischen der Basis und den oberen Ebenen; im Erkennen des Moments, an dem ein Aufstieg fortgesetzt oder abgebrochen werden muss.

Auch der Klang gehört zu diesem Wissen. Er liefert nicht nachträglich eine feierliche Atmosphäre. Er sagt den Beteiligten, wo sie sich im gemeinsamen Vorgang befinden.

Wenn die Melodie den Aufbau kennt

Die beiden prägenden Instrumente sind Dolçaina und Tabal. Die Dolçaina ist ein lautes, durchdringendes Doppelrohrblattinstrument mit hölzernem Korpus. Ihr Ton kann sich unter freiem Himmel und durch eine dicht gefüllte Straße tragen. Der Tabal ist eine zylindrische Trommel mit zwei gespannten Fellen, die mit Schlägeln gespielt wird.

Die Nova Muixeranga beschreibt das Zusammenspiel bemerkenswert genau. Drei Melodien begleiten die unterschiedlichen Teile: „El Florete“ gehört zum Tanz, „L’Enterro“ zu einer bewegten figürlichen Darstellung und die meist einfach „La Muixeranga“ genannte Melodie zu den menschlichen Figuren und Aufstiegen.

Beim Aufbau beginnt der Tabal, sobald sich die „Pinya“, die tragende Basis, ordnet. Die Dolçaina setzt ein, wenn die zweite Ebene entsteht. Die Melodie wird so lange wiederholt, bis die Figur wieder vollständig abgebaut ist. Musik misst hier keine abstrakte Konzertzeit. Sie folgt einem körperlichen Vorgang und macht ihn zugleich gemeinsam lesbar.

Wer unten steht, kann nicht jede Bewegung über sich sehen. Wer oben steigt, nimmt die gesamte Formation nur aus der eigenen Perspektive wahr. Das wiederkehrende rhythmische und melodische Muster schafft eine geteilte Orientierung. Es trägt die Menschen nicht im wörtlichen Sinn – ohne die Hände und Schultern der Gruppe gäbe es keinen Turm. Aber es verbindet Aufmerksamkeit.

Diese Funktion verändert auch unser Hören. Eine Aufnahme der Melodie kann berühren, doch in der Prozession ist sie Teil eines größeren Systems aus Körpern, Blicken, Raum und Risiko. Jede Wiederholung entspricht einer weiteren Phase des Aufbaus. Jeder fortgesetzte Trommelschlag bedeutet: Die Figur steht noch, die Arbeit geht weiter.

Eine Prozession besteht aus vielen eigenen Formen

Die Muixeranga ist das international bekannteste Bild der Festa. Sie ist nicht ihre einzige Stimme. Im heutigen Zug folgen unter anderem Bastonets, Pastoretes, Carxofa, Arquets und Llauradores beziehungsweise Bolero. Hinzu kommen die Tornejants mit ihrer eigenen zeremoniellen Stellung unmittelbar vor dem religiösen Zentrum der Prozession.

Diese Namen bezeichnen keine austauschbaren „Folkloretänze“. Jede Gruppe besitzt eigene Schritte, Materialien, Melodien, Rollen und Überlieferungswege. Bei den Bastonets wird die Choreografie durch das Aufeinandertreffen kleiner Stäbe hörbar. Carxofa und Arquets arbeiten mit anderen Figuren und Requisiten. Der Bolero bringt eine eigene Tanz- und Musiksprache in den Zug.

Das offizielle Programm des Patronats ordnet diese Gruppen nicht als lose Bühnenschau, sondern als festgelegte Folge. Zwischen ihnen liegen Übergänge, Abstände und unterschiedliche klangliche Energien. Die Straße wird dadurch nicht zu einer einzigen Bühne mit einem Mittelpunkt. Sie wird zu einem wandernden Gefüge, in dem viele Gemeinschaften nacheinander Verantwortung übernehmen.

Auch die kurzen „Misteris i Martiris“ gehören dazu. Nach Angaben des Patronats werden diese religiösen Spielszenen von Kindergruppen aus dem Ort dargestellt. Weitergabe geschieht damit nicht nur durch Zuschauen. Junge Menschen erhalten konkrete Aufgaben, lernen Text, Bewegung, Auftritt und den Platz ihrer Szene im gesamten Ablauf.

Das Fest ist christlich und der Marienverehrung gewidmet. Diese Bedeutung sollte weder übergangen noch zur pittoresken Kulisse gemacht werden. Gleichzeitig ist die Teilnahme breiter als ein einzelner liturgischer Moment: Vereine, Familien, Musikerinnen, Tänzer, Handwerkerinnen und städtische Einrichtungen tragen die Vorbereitung. Glauben, lokale Zugehörigkeit und Kulturpraxis greifen ineinander, ohne für jeden Beteiligten notwendigerweise dasselbe zu bedeuten.

Ein „lebendiges Museum“ lebt nicht hinter Glas

Die Tourismusorganisation der Region beschreibt die Straßen ab dem 7. September als ein „lebendiges Museum“. Das Bild ist verständlich: Viele historische Formen werden dicht nebeneinander sichtbar. Trotzdem lohnt es sich, beim Wort Museum kurz innezuhalten.

Die Menschen in der Prozession sind keine Ausstellungsstücke. Sie spielen nicht die unveränderte Vergangenheit nach. Sie treffen gegenwärtige Entscheidungen, organisieren Proben, bilden neue Mitglieder aus und reagieren auf gesellschaftliche Veränderungen. Gerade darin unterscheidet sich lebendiges von bloß konserviertem Erbe.

Die Geschichte der Muixeranga zeigt das deutlich. 1973 geriet sie nach Angaben des Patronats durch sinkende Beteiligung in eine schwere Krise und stand nahe am Verschwinden. Die Gründung der „Amics de la Muixeranga“ im folgenden Jahr sicherte nicht nur den Fortbestand, sondern belebte die Praxis neu.

Später veränderte sich auch die Teilnahme. Die Nova Muixeranga entstand 1997 mit dem ausdrücklichen Ziel, Frauen und Mädchen gleichberechtigt in die Gruppe einzubeziehen; 1998 wurde sie Teil der Festa. Heute nennt der offizielle Überblick des Patronats die gemischte Zusammensetzung als entscheidende Neuerung.

Das ist keine Abkehr von Tradition. Es zeigt, dass Fortbestand und Veränderung keine Gegensätze sein müssen. Wenn eine Praxis Menschen systematisch ausschließt, kann ihre Öffnung das gemeinsame Wissen erweitern. Neue Körper bringen andere Möglichkeiten in Basis, Technik und Figuren. Zugleich verändert sich die Vorstellung davon, wem ein kulturelles Erbe gehört und wer es sichtbar tragen darf.

Tradition bleibt nicht lebendig, weil jede soziale Ordnung früherer Jahrhunderte bewahrt wird. Sie lebt, wenn eine Gemeinschaft unterscheidet: Welche Formen und Kenntnisse sollen weitergegeben werden – und welche Grenzen müssen sich bewegen?

Vom Zuhören zum Unterrichten

Auch die Musik hat Phasen der Gefährdung und Erneuerung erlebt. Die Nova Muixeranga erinnert daran, dass Dolçaina und Tabal besonders in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine Krise durchliefen. Heute wird das Wissen nicht mehr ausschließlich mündlich von einzelnen Spielerinnen und Spielern vermittelt. In Algemesí trägt auch eine kommunale Schule für Tabal und Dolçaina zur Ausbildung bei.

Institutioneller Unterricht ersetzt die persönliche Weitergabe nicht. Er kann sie verbreitern. Grifftechnik, Atemführung, Rohrblattpflege, rhythmische Muster und das Repertoire der Festa lassen sich systematischer vermitteln. Entscheidend bleibt jedoch die Erfahrung im tatsächlichen Ablauf: zu wissen, wie eine Dolçaina in einer engen Straße klingt, wie weit der Tabal zu hören ist und wie flexibel ein musikalischer Zyklus auf eine menschliche Figur reagieren muss.

Die Musikgruppe „Muixeraina“ entstand innerhalb der Nova Muixeranga, weil die vielen Auftritte eine feste Gemeinschaft von Dolçaina- und Tabalspielenden verlangten, die das Ritualrepertoire sicher beherrscht. Ihre Selbstbeschreibung macht sichtbar, wie viel Infrastruktur hinter einem scheinbar selbstverständlichen Straßenklang steht.

Instrumente müssen gepflegt, Melodien erinnert, Nachwuchs begleitet und Termine koordiniert werden. Das Publikum hört am Ende einen klaren Ruf der Dolçaina. Davor liegen viele unsichtbare Stunden.

Die UNESCO-Auszeichnung ist kein Schlusspunkt

Nach Angaben der UNESCO beteiligen sich jedes Jahr annähernd 1.400 Menschen an Theater, Musik, Tanz und weiteren Darstellungen der Festa. Die Zahl ist eindrucksvoll, aber ihre Bedeutung liegt nicht im Rekord. Sie zeigt, dass das Erbe auf viele Schultern verteilt ist.

Die Aufnahme in eine internationale Liste kann Anerkennung, Schutz und Aufmerksamkeit schaffen. Sie bringt zugleich eine neue Gefahr mit sich: Ein Fest wird auf sein spektakulärstes Bild reduziert, Reisegruppen suchen den besten Fotopunkt, und die lokale Praxis muss Erwartungen erfüllen, die von außen an sie herangetragen werden.

Ein verantwortungsvoller Blick fragt deshalb nicht nur: Wie hoch wird der Turm? Er fragt auch: Wer spielt die Melodie? Wer unterrichtet die Kinder? Welche Gruppe hält eine Probe ab, obwohl gerade keine Kamera wartet? Und wie verändert die Gemeinschaft ihre Praxis selbst?

Die UNESCO-Auszeichnung gehört nicht allein der Muixeranga. Sie umfasst das komplexe Fest mit seinen Prozessionen, Tänzen, Musikformen, Spielen, Rollen und lokalen Organisationsstrukturen. Das berühmte Bild einer menschlichen Figur kann eine Tür öffnen. Dahinter liegt eine ganze Stadtpartitur.

Was Radio von einer Straßenprozession lernen kann

Im Radio sehen wir nicht, wann die zweite Ebene eines menschlichen Turms steht. Wir hören lediglich, dass die Dolçaina einsetzt. Ohne Kontext kann die Melodie wie ein frei schwebendes Symbol für Valencia erscheinen – feierlich, markant und von den Menschen getrennt, die sie brauchen.

Eine gute Moderation kann die Verbindung wiederherstellen. Sie kann den Namen des Instruments nennen, den Tabal nicht zur bloßen Begleitung erklären und erzählen, dass die Musik den Aufbau einer Figur begleitet. Sie kann zwischen der Festa als religiöser Feier und der weiten kulturellen Bedeutung ihrer Klänge unterscheiden.

Auch die Wiederholung bekommt dann einen anderen Sinn. Was in einer Aufnahme gleichförmig wirken mag, ist auf der Straße eine Form der Fürsorge. Die Melodie bleibt, solange die Figur Halt benötigt. Der Rhythmus schafft Verlässlichkeit, während viele einzelne Körper eine gemeinsame Entscheidung ausführen.

Heute Abend werden in Algemesí erneut Hände ineinandergreifen. Menschen senken die Schultern, andere steigen vorsichtig auf. Der Tabal beginnt. Mit der zweiten Ebene tritt die Dolçaina hinzu, hell und weit tragend. Für einige Minuten bekommt die Musik eine sichtbare Form.

Dann steigen alle wieder herab. Der Turm verschwindet, aber das Wissen bleibt in den Körpern. Morgen wird es erneut gebraucht – und später von anderen Händen.

So lebt ein Kulturerbe: nicht weil die Zeit stillsteht, sondern weil eine Gemeinschaft gelernt hat, gemeinsam auf ihren nächsten Einsatz zu hören.

Quellen

Alle Quellen wurden am 7. September 2026 geprüft.

Geschrieben von: TerraTanica

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