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TerraTanica One World, Many Cultures, Countless Sounds.
Heute ist Samstag, der 29. August 2026. Im Erkko-Saal des Dance House Helsinki beginnt um 18 Uhr eine einzelne Handglocke zu klingen. Am Ende wird sie wiederkehren. Dazwischen füllt sich die Bühne mit Stimmen, elektronischen Klängen, leuchtenden Projektionen und dreizehn Tänzerinnen und Tänzern, deren Körper sich begegnen, trennen und neu versammeln.
Das taiwanische Cloud Gate Dance Theatre zeigt „13 Tongues“ beim Helsinki Festival. Die heutige, rund 65-minütige Aufführung ist die dritte von vier Vorstellungen zwischen dem 27. und 30. August. Choreografie und Idee stammen von Cheng Tsung-lung, die Musik von Lim Giong. Doch der eigentliche Ausgangspunkt liegt weder in einem Theater noch in einer Partitur. Er liegt in einem Stadtviertel, in einer Kindheit und in Geschichten, die eine Mutter ihrem Sohn erzählte.
Bangka, heute meist Wanhua genannt, gehört zu den ältesten Stadtteilen Taipehs. Cheng Tsung-lung half dort als Kind in den 1980er-Jahren seinem Vater beim Verkauf von Hausschuhen. Das Viertel erlebte er als dichten Alltag aus Handel und Religion, Arbeit und Vergnügen, Wohlstand und Armut. In den Erzählungen seiner Mutter tauchte außerdem eine schillernde Figur aus den 1960er-Jahren auf: ein Straßenkünstler und Geschichtenerzähler mit dem Beinamen „Thirteen Tongues“ – „Dreizehn Zungen“.
Dieser Mann soll die unterschiedlichsten Menschen des Viertels mit Stimme, Haltung und Erzählkunst lebendig gemacht haben. Männer und Frauen, angesehene und randständige Figuren, Heiliges und Profanes konnten in seinen Darbietungen aufeinandertreffen. Die Straße war sein informeller Aufführungsort.
Für Cheng wurde diese mündlich weitergegebene Figur Jahrzehnte später zum Ausgangspunkt einer Choreografie. Das ist ein wichtiger Unterschied: „13 Tongues“ behauptet nicht, eine lückenlose Dokumentation Bangkas zu liefern. Das Werk beginnt bei persönlicher Erinnerung – und bei einer Erzählung über einen Erzähler. Erinnerung ist hier kein perfektes Abbild der Vergangenheit. Sie ist ein lebendiges Material, das sich mit jedem Weitergeben verändert.
Wer an ein früheres Viertel denkt, erinnert sich selten in sauberer Reihenfolge. Ein Geräusch kann vor einem Gesicht auftauchen, eine Farbe vor einem Namen. Wege, Stimmen und Gerüche überlagern sich. Manche Einzelheit bleibt scharf, während ganze Jahre verschwimmen.
„13 Tongues“ folgt einer ähnlichen Logik. Die Tänzer bilden keine realistische Straßenszene mit eindeutig verteilten Rollen. Sie sammeln sich, lösen Formationen auf, reagieren aufeinander und verschwinden wieder in der Gruppe. Projektionen legen Farben, Zeichen und bewegte Formen über die Körper. So entsteht nicht die Kopie eines Ortes, sondern die Erfahrung seiner Dichte.
Gerade darin liegt eine respektvolle Möglichkeit, von urbaner Geschichte zu erzählen. Ein Viertel ist niemals nur seine Architektur. Es besteht aus Menschen, deren Wege sich kreuzen; aus Arbeit, Glaubenspraxis, Handel, Konflikt und Nachbarschaft. Keine einzelne Stimme kann all das vollständig vertreten. Die Choreografie antwortet darauf nicht mit einem endgültigen Porträt, sondern mit vielen wechselnden Perspektiven.
Auch der Titel darf nicht mit einer einfachen Rechenaufgabe verwechselt werden. Heute stehen tatsächlich dreizehn Menschen auf der Bühne. Doch die „dreizehn Zungen“ verweisen zuerst auf die überlieferte Fähigkeit des Geschichtenerzählers, viele Charaktere sprechen zu lassen. Die Zahl bezeichnet weniger Vollständigkeit als Verwandlung: Eine Stimme kann mehr als eine Identität tragen, ein Körper mehr als eine Erinnerung anstoßen.
Die offizielle Werkbeschreibung von Cloud Gate nennt eine ungewöhnlich weite Klangbewegung. Die Musik beginnt und endet mit einer einzelnen Handglocke. Dazwischen reicht sie von taiwanischen Volksliedern über taoistische Rezitation bis zu elektronischer Musik.
Diese Elemente stehen nicht wie sorgfältig getrennte Exponate nebeneinander. Sie überlagern sich. Ein überlieferter Gesang muss die Bühne nicht verlassen, sobald ein elektronischer Puls einsetzt. Eine religiös geprägte Stimme wird nicht automatisch zum Gegenteil urbaner Gegenwart. Im Viertel, an das Cheng sich erinnert, gehörten weltliche und spirituelle Räume ohnehin zum selben Alltag.
Komponist Lim Giong ist deshalb kein musikalischer Dekorateur, der dem Tanz nachträglich eine „taiwanische Farbe“ gibt. Seine Klanggestaltung ordnet Zeit. Wiederholung kann eine Bewegung in Trance versetzen, eine Stimme kann Nähe herstellen, und die Glocke kann wie ein Ruf durch mehrere Erinnerungsschichten führen. Die Tänzer reagieren nicht nur auf einen gleichmäßigen Takt. Sie werden Teil einer vielstimmigen Umgebung.
Für ein internationales Publikum ist Genauigkeit dabei besonders wichtig. „Taiwanisches Volkslied“ bezeichnet keine einzige, unveränderliche Musik. Auch taoistische Rezitation ist kein frei verfügbares Zeichen für allgemeine Spiritualität. Im Werk erscheinen solche Klänge in einem konkreten künstlerischen Zusammenhang: in Chengs Beziehung zu Bangka, in Lim Giongs Komposition und in der Arbeit der beteiligten Tänzer, Gestalterinnen und Stimmexperten.
Tradition wird dadurch weder hinter Glas gestellt noch beliebig gemacht. Sie darf eine Gegenwart haben. Elektronik löscht ihre Herkunft nicht aus; umgekehrt macht ein überlieferter Klang ein zeitgenössisches Werk nicht automatisch authentischer. Entscheidend ist die Beziehung, die Künstlerinnen und Künstler zwischen den Formen herstellen.
Musik wird oft beschrieben, als erreiche sie ausschließlich das Ohr. Tanz erinnert uns daran, dass Klang auch Gewicht, Richtung und Spannung besitzt. Ein tiefer Impuls kann den Boden spürbar machen. Eine gedehnte Stimme verändert den Atem. Ein abrupter Wechsel lässt einen Körper anhalten, noch bevor der Kopf ihn benannt hat.
In „13 Tongues“ wird der Straßenlärm nicht einfach als Tonaufnahme reproduziert. Das Ensemble übersetzt die Erfahrung von Gedränge, Begegnung und plötzlicher Vereinzelung in Bewegung. Wenn sich die Gruppe verdichtet, entsteht sozialer Raum. Wenn eine Person heraustritt, kann sich eine einzelne Figur aus dem Gedächtnis lösen. Wenn alle wieder zusammenfinden, wird sichtbar, dass Erinnerung nicht nur im Individuum wohnt.
Diese Übersetzung besitzt Grenzen – und genau das macht sie interessant. Ein Tanz kann nicht erklären, wie Bangka in jedem historischen Moment war. Er kann aber zeigen, wie sich ein Ort in den Körper eines Menschen einschreibt: durch wiederholte Wege, beobachtete Gesten, Stimmen aus Geschäften und Tempeln, durch das Tempo einer Straße.
Chengs eigene Biografie verbindet diese Ebenen besonders unmittelbar. Aus dem Kind, das neben seinem Vater Hausschuhe verkaufte, wurde ein Tänzer und später ein Choreograf. Seit 2020 leitet er Cloud Gate. Seine künstlerische Arbeit kehrt immer wieder zu der Frage zurück, wie taiwanische Rituale und Erfahrungen des modernen Lebens einander in Bewegung begegnen können.
Das Lokale ist dabei kein enger Rahmen. Es ist der präzise Ausgangspunkt, von dem aus ein Werk reisen kann.
Cloud Gate wurde 1973 von Lin Hwai-min gegründet und war nach Angaben der Kompanie das erste zeitgenössische Tanzensemble in der chinesischsprachigen Welt. Die Ausbildung der Tänzer verbindet heute unterschiedliche Praktiken – darunter Meditation, Qigong, innere Kampfkünste, modernen Tanz und Ballett; unter Cheng kamen weitere Bewegungsformen wie Streetdance hinzu.
Diese Vielfalt ist kein Rezept, bei dem jede Zutat für eine klar abgegrenzte Kultur steht. Sie verlangt jahrelange körperliche Arbeit und die Fähigkeit, Unterschiede nicht vorschnell einzuebnen. Ein traditionell geprägter Bewegungsimpuls und eine moderne Bühnentechnik werden nicht allein dadurch sinnvoll, dass sie gleichzeitig sichtbar sind. Bedeutung entsteht durch Auswahl, Verantwortung und Form.
„13 Tongues“ wurde 2016 in Taipeh uraufgeführt und ist seitdem durch zahlreiche Städte gereist. Die aktuelle Tourübersicht von Cloud Gate führt das Werk nach Helsinki Anfang September weiter nach Dresden.
Auf jeder Station trifft es auf Menschen, die Bangka womöglich nur aus der Einführung kennen und weder die Lieder noch die religiösen Bezüge unmittelbar einordnen können.
Das muss keine unüberwindbare Distanz sein. Kulturelle Begegnung verlangt nicht, dass ein Publikum schon alles weiß. Sie verlangt Aufmerksamkeit. Wer erfährt, wie das Viertel heißt, wessen Kindheit erinnert wird und wer die Musik geschaffen hat, hört und sieht anders. Aus einer anonymen „asiatischen“ Bildwelt wird eine konkrete künstlerische Beziehung zwischen Bangka, Cheng Tsung-lung, Lim Giong und dem Ensemble.
Internationale Festivals tragen eine besondere Verantwortung, wenn sie solche Werke zeigen. Ein einzelner Abend darf nicht zur vollständigen Erklärung Taiwans erklärt werden. „13 Tongues“ spricht nicht für jeden Stadtteil Taipehs, jede religiöse Praxis oder jede Generation. Seine Kraft liegt gerade in seiner Begrenzung: Ein Künstler nimmt die Erinnerungen seiner Kindheit ernst und öffnet sie für die gemeinsame Arbeit vieler Menschen.
Das schützt auch vor einem romantischen Blick auf die „bunte Straße“. Lebendige Stadtviertel sind nicht nur sinnliche Kulissen. Sie tragen soziale Ungleichheit, Wandel und Widersprüche. Die offizielle Beschreibung von Bangka nennt ausdrücklich das Nebeneinander von Wohlstand und Armut, legalem und illegalem Leben, Heiligem und Profanem. Vielfalt bedeutet hier nicht Harmonie ohne Reibung. Sie bedeutet, dass unterschiedliche Wirklichkeiten denselben Raum beanspruchen.
Auf der Bühne kann diese Gleichzeitigkeit ausgehalten werden. Ein Körper muss nicht für immer eine Figur bleiben. Ein elektronischer Klang muss ein Volkslied nicht verdrängen. Licht kann einen Menschen sichtbar machen und ihn im nächsten Moment wieder in eine größere Form aufnehmen. Die Kunst löst die Widersprüche des Viertels nicht. Sie gibt ihnen Rhythmus und Zeit.
Radio kann die Projektionen und Bewegungen von „13 Tongues“ nicht übertragen. Es kann aber denselben Grundgedanken aufnehmen: Ein Ort klingt nicht durch ein einziges repräsentatives Lied. Er klingt durch Stimmen, Alltagsgeräusche, religiöse Praxis, populäre Musik, neue Technik und durch die Pausen zwischen ihnen.
Für Radio TerraTanica heißt das, Musik nicht nur nach Ländern zu sortieren. Eine sorgfältige Moderation kann näher heranzoomen: auf ein Viertel, eine Biografie, eine Zusammenarbeit. Sie kann einen überlieferten Gesang benennen, ohne ihn als zeitloses Relikt zu behandeln, und elektronische Musik hören, ohne sie automatisch für ortlos zu halten.
Vielleicht liegt darin die schönste Einladung des heutigen Abends in Helsinki. Erinnerung muss nicht stillstehen, um wahrhaftig zu sein. Sie kann ihren Aggregatzustand wechseln: Eine Geschichte wird zu einem Klang, ein Klang zu einer Bewegung, eine Bewegung zu einem gemeinsamen Bild. Was eine Mutter erzählt hat, geht durch den Körper ihres Sohnes und weiter in die Arbeit eines Ensembles.
Um 18 Uhr klingt die Glocke. Dreizehn Menschen betreten einen Raum weit entfernt von Bangka. Sie bringen nicht das ganze Viertel mit – das könnte niemand. Aber sie lassen etwas davon weiterwandern: seine Vielstimmigkeit, seine Unruhe und die Erinnerung daran, dass eine Straße voller Menschen immer mehr Geschichten trägt, als eine einzige Zunge erzählen kann.
Geschrieben von: TerraTanica
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