Aktuell

Zwischen Alap und Reel

today6. September 2026

Hintergrund

In Mumbai beginnt heute Utsav Lals Indien-Tour „Ragas to Reels“ – ein indo-irisches Gespräch über Verzierung, Rhythmus, Improvisation und die Freiheit, verschieden zu bleiben

Heute ist Sonntag, der 6. September 2026. Um 19 Uhr beginnt im Studio Theatre des Nita Mukesh Ambani Cultural Centre in Mumbai ein Konzert, dessen Titel schon eine Bewegung beschreibt: „Ragas to Reels“. Auf der Bühne begegnen sich Utsav Lal am Klavier, Cleek Schrey an der Fiddle, Sam Comerford an Flöte, Whistle und Saxofon sowie Zuheb Ahmed Khan an der Tabla.

Die offizielle Ankündigung des NMACC spricht von einer Verbindung Hindustanischer klassischer und irischer Musiktraditionen. Der Auftritt eröffnet eine Indien-Tour, die von Culture Ireland und der irischen Botschaft unterstützt wird. Schon die Besetzung lässt jedoch erkennen, warum das Wort „Verbindung“ genaueres Hinhören braucht. Hier treffen nicht zwei geschlossene Klangpakete namens Indien und Irland aufeinander. Vier Musiker bringen unterschiedliche Lehrer, Orte, Instrumente und Erfahrungen mit.

Auch die aktuelle Besetzung erzählt davon, dass ein Konzert ein lebendiger Prozess bleibt. Ursprünglich war die Geigerin Winifred Horan angekündigt. In einem Update vom 4. September teilte das Projekt mit, dass sie nicht an der Tour teilnehmen kann und Cleek Schrey die Fiddle übernimmt. Die derzeitige Programmseite des Bangalore International Centre führt Schrey bereits für den dortigen Auftritt am 9. September auf.

Das ist mehr als eine organisatorische Fußnote. Improvisierende Musik lebt nicht von einer austauschbaren Instrumentenstelle. Ein anderer Mensch verändert das gemeinsame Hören, die möglichen Antworten und den Verlauf eines Abends. Die Partitur der Begegnung wird noch kurz vor dem ersten Konzert weitergeschrieben.

Keine glatte „Fusion“

Bei Projekten zwischen verschiedenen Musiktraditionen fällt schnell das Wort Fusion. Es klingt nach müheloser Verschmelzung: Zwei Zutaten werden zusammengerührt, Grenzen lösen sich auf, und am Ende entsteht etwas Neues. Für Werbung ist das bequem. Musikalisch kann es zu wenig sein.

Utsav Lal beschreibt sein Projekt auf der offiziellen Seite von „Ragas to Reels“ anders. Ihn interessieren nicht nur Ähnlichkeiten, sondern ausdrücklich auch die Reibungen: die Ornamentik des Raga und des irischen Sean-nós, unterschiedliche Vorstellungen von Rhythmus und Raum, zyklische Spannung und Auflösung sowie die fließende Grenze zwischen Komposition und Improvisation.

Ein Raga ist nicht einfach eine Tonleiter, die sich über jeden Rhythmus legen lässt. Er ordnet melodische Möglichkeiten, charakteristische Bewegungen, wichtige Töne und Formen der Ausgestaltung. Im Alap kann sich dieses Material zunächst ohne festes metrisches Gerüst entfalten. Ein Reel oder Jig bringt dagegen die Energie einer Tanzmelodie und einen deutlich spürbaren Puls mit. Auch innerhalb der irischen Musik sind ein langsam ausgezierter Air, ein Reel und ein Jig keineswegs dasselbe.

Der Reiz liegt deshalb nicht darin, alle Formen auf einen gemeinsamen kleinsten Nenner zu bringen. Er beginnt dort, wo die Musiker hören: Wie lange braucht diese Phrase? Wann ist eine Antwort hilfreich, wann wäre sie ein Übergriff? Darf ein Rhythmus das Geschehen verdichten, oder muss er zunächst warten?

Lal formuliert das Ziel nicht als „indisch plus irisch“. Er möchte zwei lebendige Traditionen mit ihrer Beweglichkeit, ihren historischen Beziehungen und ihren heutigen Musikerpersönlichkeiten ins Gespräch bringen. Diese Haltung schützt nicht automatisch vor Vereinfachung. Sie eröffnet aber einen besseren Ausgangspunkt: Unterschiedlichkeit gilt nicht als Problem, das vor dem Schlussakkord verschwinden muss.

Ein Raga auf festen Tasten

Im Zentrum des Projekts steht ein Instrument, das in der Hindustanischen klassischen Musik lange nicht selbstverständlich war: das Klavier. Seine Tonhöhen sind fest eingerichtet. Ein Ton lässt sich auf einem gewöhnlichen Konzertflügel nach dem Anschlag nicht wie eine Stimme, Sitar oder Sarangi kontinuierlich in den nächsten hinüberziehen. Gerade solche Übergänge und feinen Tonbewegungen – oft unter dem Begriff Meend beschrieben – prägen jedoch viele Raga-Ausgestaltungen.

Utsav Lal hat aus dieser Spannung eine eigene musikalische Sprache entwickelt. Nach seiner Biografie studierte er unter anderem Dhrupad bei Ustad F. Wasifuddin Dagar, Jazz am Royal Conservatoire of Scotland und Contemporary Improvisation am New England Conservatory. Das sind keine Etiketten, die sich automatisch addieren. Sie benennen unterschiedliche Lernräume, in denen Klang, Form, Disziplin und Freiheit jeweils anders verstanden werden.

Am Klavier kann Lal eine gesungene oder gestrichene Gleitbewegung nicht einfach kopieren. Er muss Beziehungen mit anderen Mitteln gestalten: durch Anschlagsfarbe, zeitliche Platzierung, Wiederholung, Nachklang und die Art, wie eine Phrase auf den nächsten Ton zuführt. 2016 nahm er außerdem auf einem mikrotonal veränderbaren Fluid Piano auf, das Tonbeugungen ermöglicht. Für das heutige Konzert ist ein solches Instrument nicht angekündigt. Die frühere Arbeit daran zeigt aber, wie grundsätzlich seine Frage ist: Was kann ein Klavier vom Raga lernen, ohne so zu tun, als sei es ein anderes Instrument?

Diese Frage ist wichtiger als der Effekt des Ungewöhnlichen. Das Klavier soll keine exotische Verkleidung tragen. Es bleibt in seiner Mechanik erkennbar und wird zugleich anders behandelt. Musikalischer Austausch beginnt hier nicht mit dem Besitz fremder Klänge, sondern mit einer geduldigen Auseinandersetzung mit den Grenzen des eigenen Instruments.

Eine Fiddle bringt mehr als einen Pass

Cleek Schrey stößt kurzfristig zur Tour. Er ist in Virginia aufgewachsen, lebt in New York und hat irisches Fiddlespiel bei Brendan Mulvihill studiert. Die Bangalore-Programmseite beschreibt zugleich seine Arbeit mit historischen Notensammlungen des 18. und 19. Jahrhunderts, zeitgenössischer Komposition und experimenteller Musik.

Damit vertritt er nicht einfach „Irland“ auf vier Saiten. Seine musikalische Biografie führt durch Weitergabe, Archivarbeit, Improvisation und heutige Kunstszenen. Auch die Bezeichnung Fiddle meint nicht ein grundsätzlich anderes Instrument als Violine. Sie verweist vor allem auf musikalische Praktiken, Repertoires, Spielhaltungen und soziale Zusammenhänge. Das Instrument erhält seine Stimme durch die Beziehungen, in denen es gelernt und gespielt wird.

Sam Comerford ist in Dublin geboren und lebt in Brüssel. Er arbeitet zwischen irischer Musik, Jazz und freier Improvisation. Im Projekt wechselt er zwischen Flöte, Whistle und Saxofon. Schon dadurch entstehen verschiedene Arten von Nähe: Der Atem verbindet die Instrumente, doch Material, Ansatz, Tonbildung und kulturelle Assoziationen verändern sich.

Eine Whistle kann eine Tanzmelodie klar zeichnen. Eine Flöte kann Verzierungen und Luftgeräusch eng miteinander verbinden. Das Saxofon bringt eine andere Klanggeschichte in den Raum und lässt sich nicht sauber einem der beiden großen Herkunftsetiketten zuordnen. Es erinnert daran, dass Musiker selten nur eine Tradition in sich tragen.

Tabla ist keine rhythmische Tapete

Zuheb Ahmed Khan sitzt an der Tabla. Laut der aktuellen Tourvorstellung gehört er zur Ajrada-Gharana und lernte bei seinem Vater Ustad Naushad Ahmed Khan, seinem Onkel Ustad Akram Khan und seinem Großvater Ustad Hashmat Ali Khan. Hinter seinem Spiel steht damit eine konkrete Linie familiärer und musikalischer Weitergabe.

In einer oberflächlichen Crossover-Anordnung könnte die Tabla zur sofort erkennbaren „indischen“ Rhythmusfarbe werden: ein bewegtes Muster unter einer Melodie, dekorativ und verlässlich. Das würde ihre Aufgabe verkleinern. Tabla-Spiel organisiert nicht nur Puls. Es gestaltet rhythmische Zyklen, Artikulationen, Verdichtungen, Pausen und Antworten. Es kann ein melodisches Motiv auffangen, einen Übergang zuspitzen oder die Wahrnehmung eines wiederkehrenden Grundschlags verschieben.

Gerade neben Reels und Jigs stellt sich eine spannende Frage. Tanzmelodien besitzen ihren eigenen Vorwärtsdrang; Tala folgt zyklischen Ordnungen, in denen Rückkehr, Gewichtung und Variation zusammenwirken. Beides einfach übereinanderzulegen wäre leicht. Schwieriger und interessanter ist es, die jeweilige Logik zu hören und einen gemeinsamen Raum zu finden, in dem keine Seite bloß Begleitung wird.

Der Name des Tabla-Spielers gehört deshalb nicht ins Kleingedruckte. Zuheb Ahmed Khan ist kein rhythmisches Fundament, auf dem die eigentliche Begegnung stattfindet. Er ist einer der Menschen, die diese Begegnung im Moment des Spielens gestalten.

Alte Formen, gegenwärtige Entscheidungen

„Ragas to Reels“ wurde nicht für diese Tour neu erfunden. Lal entwickelte die Idee in Dublin gemeinsam mit dem Flötisten Dave Sheridan; frühe Konzerte fanden 2008 und 2009 in der National Concert Hall statt. Später arbeitete er mit Sam Comerford und dem Tabla-Spieler Durjay Bhaumik. 2014 wurde bei einem Auftritt im damaligen Blue Frog in Mumbai ein Livealbum aufgenommen. Die heutige Rückkehr nach Indien trägt also eine Geschichte früherer Begegnungen mit sich.

Die offizielle Projektseite betont, dass weder Raga noch irische Tradition als unbewegliches Erbe behandelt werden sollen. Das ist entscheidend. „Traditionell“ bedeutet nicht, dass jede Note unverändert aus ferner Vergangenheit ankommt. Eine Tradition lebt, weil Menschen lernen, auswählen, wiederholen, anders phrasieren und neue Situationen schaffen. Ihr Wandel ist nicht automatisch Verlust; zugleich macht nicht jede Neuerung eine Beziehung respektvoll.

Die Bangalore-Ankündigung nennt mögliche musikalische Übergänge sehr konkret: Sean-nós-Airs können in einen Alap übergehen, Harfenlieder auf Thumri oder Chhand treffen, Reels und Jigs Verbindungen zu Tarana und Jhala suchen. Solche Beschreibungen sind keine Garantie für ein gelungenes Konzert. Sie zeigen aber, dass sich das Projekt mit Formen und Spielweisen beschäftigt – nicht nur mit einer schnell erkennbaren Mischung von Instrumenten.

Entscheidend bleibt, wie die Musiker den Übergang gestalten. Wird eine Form nur kurz zitiert, damit das Publikum sie erkennt? Oder erhält sie Zeit, ihre eigene Spannung aufzubauen? Darf eine Passage fremd bleiben, statt sofort in einen vertrauten Groove übersetzt zu werden? Respekt zeigt sich nicht allein in den verwendeten Materialien, sondern in der Aufmerksamkeit, die ihnen eingeräumt wird.

Wenn Kulturpolitik eine Bühne baut

Die Tour wird von Culture Ireland und der irischen Botschaft unterstützt. Die offizielle Ankündigung der irischen Regierung stellt sie in den Zusammenhang der irischen Präsidentschaft im Rat der Europäischen Union. Kultur wird damit auch Teil internationaler Beziehungen.

Solche Förderung kann Reisen, Proben, Honorare und öffentliche Auftritte ermöglichen. Sie kann Begegnungen finanzieren, die einzelne Musiker allein kaum organisieren könnten. Gleichzeitig bringt Kulturdiplomatie gern klare nationale Bilder hervor: Hier Irland, dort Indien, dazwischen eine harmonische Brücke.

Die wirklichen Biografien passen nicht so ordentlich auf ein Plakat. Lal wuchs zwischen Delhi und Dublin auf und lebt heute in New York. Schrey kommt aus Virginia, studierte irische Fiddle und arbeitet experimentell. Comerford zog von Dublin nach Brüssel. Khan trägt eine in seiner Familie weitergegebene nordindische Tabla-Tradition in neue Konzertzusammenhänge.

Gerade diese Unordnung macht das Projekt zeitgemäß. Kulturelle Identität ist keine Flagge, die ein Instrument auf der Bühne vertritt. Sie besteht aus Beziehungen, Sprachen, Lernwegen, Wohnorten und Entscheidungen. Eine öffentliche Förderung baut im besten Fall die Bühne. Was auf ihr geschieht, sollte komplexer bleiben dürfen als die repräsentative Überschrift.

Was eine gute Begegnung hörbar macht

Ob „Ragas to Reels“ heute Abend gelingt, lässt sich nicht aus einer Ankündigung ableiten. Ein verantwortungsvoller Text sollte dem Konzert nicht vorab eine Harmonie zuschreiben, die erst von den Musikern hergestellt werden muss. Gerade improvisierende Musik kann riskieren, stolpern, überraschen oder an manchen Stellen zu schnell nach einer gemeinsamen Lösung suchen.

Wir können jedoch Kriterien für aufmerksames Hören mitnehmen. Bleiben die Instrumente als eigenständige Stimmen erkennbar? Erhält eine langsame Entwicklung ebenso viel Raum wie ein virtuoser Höhepunkt? Werden Unterschiede in Rhythmus und Verzierung nicht nur vorgeführt, sondern zu Material echter Reaktion? Und hören wir vier Personen – oder nur die bekannte Erzählung von einer Begegnung zwischen „Ost“ und „West“?

Diese letzte Gegenüberstellung ist ohnehin zu grob. Die Hindustanische klassische Musik ist kein einheitlicher Osten, irische Musik kein geschlossener Westen. Beide bestehen aus Regionen, Stilen, Lehrlinien, historischen Brüchen und heutigen Szenen. Auch ihre Beziehungen reichen weiter zurück als ein einzelnes Tourprojekt.

Ein gutes gemeinsames Konzert muss diese ganze Geschichte nicht erklären. Es kann aber vermeiden, sie zu verleugnen. Es kann Namen nennen, musikalische Entscheidungen hörbar machen und dem Publikum zutrauen, dass nicht jede Differenz sofort aufgelöst werden muss.

Auch Radio arrangiert Begegnungen

Radio TerraTanica bringt täglich Musik in Nachbarschaft. Ein Raga kann auf einen Reel folgen, eine Stimme aus Mumbai auf eine Aufnahme aus Dublin. Schon die Reihenfolge erzeugt Beziehungen, selbst wenn die Musiker nie gemeinsam in einem Raum standen.

Darum ist Programmgestaltung ebenfalls eine Form des Arrangierens. Ein Sender kann Unterschiede glätten, indem er alles unter dem bequemen Etikett Weltmusik zusammenfasst. Er kann sie aber auch öffnen: Künstlerinnen und Künstler korrekt nennen, Instrumente und Sprachen benennen, Herkunft nicht mit Staatsgrenzen verwechseln und einer längeren musikalischen Form die nötige Zeit geben.

„Ragas to Reels“ erinnert an diesem Sonntag daran, dass Verbindung nicht Gleichklang bedeuten muss. Manchmal ist die schönste musikalische Geste keine Verschmelzung, sondern ein gut gesetzter Abstand. Eine Fiddle beendet ihre Phrase. Das Klavier wartet einen Atemzug. Die Tabla hört die mögliche Rückkehr bereits voraus. Eine Flöte nimmt nicht denselben Ton, sondern antwortet aus einer anderen Richtung.

Um 19 Uhr beginnt in Mumbai der erste Abend der Tour. Niemand weiß genau, wie die kurzfristig neu zusammengesetzte Gruppe im entscheidenden Moment klingen wird. Das ist kein Mangel, sondern der Kern der Sache.

Zwischen Alap und Reel liegt kein fertiger Weg. Vier Musiker müssen ihn heute gemeinsam hören.

Quellen

Alle Quellen wurden am 6. September 2026 geprüft.

Geschrieben von: TerraTanica