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TerraTanica One World, Many Cultures, Countless Sounds.
Heute ist Mittwoch, der 2. September 2026. Auf Wala Island und im Gebiet Wala auf der Insel Malekula beginnt ein Fest mit einem bemerkenswerten ersten Programmpunkt: Kinder tanzen.
Beim Wala Cultural Heritage Festival stehen an diesem Mittwoch traditionelle Tänze der Nawersa Cultural Group im Mittelpunkt. Am Donnerstag folgt ein Tag, den die Wala-Island-Gemeinschaft der alltäglichen Arbeit, dem Essen, dem Bauen, Flechten und Zeichnen widmet. Organisiert wird das zweitägige Festival gemeinsam von der Kulturgruppe auf dem Festland und der Inselgemeinschaft.
Das Programm macht schon in seiner Reihenfolge eine Haltung sichtbar. Wissen erscheint nicht erst dann als wertvoll, wenn Erwachsene es vollkommen beherrschen. Seine Zukunft beginnt dort, wo Kinder zuschauen, üben und selbst einen Platz im gemeinsamen Rhythmus erhalten.
Auf den Kindertanz folgen heute mehrere Formen mit eigenen Namen und Zusammenhängen. Die offizielle Ankündigung nennt Billtetuge, einen gemeinsamen Tanz von Männern und Frauen, außerdem einen Mondtanz und einen eigenen Tanz der Frauen. Eine Erzählung über die Yamswurzel verbindet den Festtag mit Pflanz- und Erntezeiten. Zum Abschluss lädt Durenabe als öffentlicher Tanz zum Mitmachen ein.
Diese Programmpunkte sind keine austauschbaren Varianten eines allgemeinen „Südseetanzes“. Schon eine solche Bezeichnung würde die Unterschiede unsichtbar machen, die das Festival gerade benennt. Wer Billtetuge, den Mondtanz und Durenabe in einer einzigen exotischen Vorstellung zusammenfasst, hört und sieht weniger, nicht mehr.
Ein Tanz besitzt seine Bedeutung nicht allein in den sichtbaren Schritten. Entscheidend kann ebenso sein, wer mit wem tanzt, wann eine Bewegung beginnt, auf welche Geschichte sie verweist und an welchem Ort sie ausgeführt wird. Körper erinnern anders als Bücher. Sie speichern Haltung, Abstand, Einsatz und Reaktion. Dieses Wissen lässt sich nicht vollständig von der Person trennen, die es zeigt, oder von der Gemeinschaft, die seine Zusammenhänge kennt.
Musik gehört dazu, auch wenn die Veranstaltungsseite keine Instrumentenliste veröffentlicht. Wo gemeinsam getanzt wird, entsteht eine Ordnung aus Klang, Stimme, Bewegung und Aufmerksamkeit. Welche konkreten Klänge heute zu hören sind, sollte deshalb nicht aus allgemeinen Bildern von Vanuatu erraten werden. Respekt beginnt auch damit, eine nicht belegte Einzelheit offen zu lassen.
Die Organisatoren beschreiben ihr Festival mit dem Bislama-Wort „kastom“. Die Forschungsrichtlinie des Vanuatu Cultural Centre definiert den Begriff als indigenes Wissen und indigene Praxis sowie die Formen, in denen beides ausgedrückt und sichtbar wird.
Damit meint kastom mehr als historische Sitten oder eine Kostümabteilung. Der Begriff führt zu Regeln, Wissen, Beziehungen und heutigen Entscheidungen. Auch eine überlieferte Praxis wird von Menschen der Gegenwart ausgeübt. Sie kann sich verändern, ohne deshalb bedeutungslos zu werden.
Das ist für ein öffentliches Festival besonders wichtig. Sobald Besucherinnen und Besucher kommen, Kameras auf Tänze gerichtet werden und eine Tourismusorganisation das Programm verbreitet, entstehen neue Fragen: Was darf gezeigt werden? Wer erklärt es? Welches Wissen bleibt innerhalb der Gemeinschaft? Ein öffentlich aufgeführter Tanz ist eine Einladung zu genau diesem Moment – keine pauschale Erlaubnis, seinen Kontext für beliebige andere Zwecke zu verwenden.
Die gemeinschaftliche Organisation des Wala-Festivals setzt hier ein deutliches Zeichen. Nawersa Cultural Group und Wala Island Community präsentieren nicht nur Inhalte. Sie gestalten selbst, in welchem Zusammenhang Begegnung stattfindet.
Für Donnerstag kündigt die Veranstaltungsseite Sandzeichnungen, Feuerherstellung, Koch- und Konservierungstechniken, Flechtarbeiten und Wissen über Auslegerkanus an. Im Mittelpunkt des kulinarischen Teils steht unter anderem Laplap Sosour, bei dem geriebene Wurzelpflanzen und Kokosmilch in einem Erdofen gegart werden.
Was auf einer europäischen Veranstaltungsseite vielleicht getrennt würde – hier Tanz, dort Handwerk, daneben Landwirtschaft und Essen –, erscheint in Wala als zusammenhängende Lebenspraxis. Die Yamsgeschichte des ersten Tages führt zu den Nahrungsmitteln des zweiten. Bewegung, Jahreszeiten und Versorgung gehören in denselben Wissensraum.
Genau darin liegt eine wichtige Korrektur am engen Begriff von Kultur. Kultur beginnt nicht erst auf der Bühne. Sie steckt auch in der Entscheidung, wann gepflanzt wird, wie ein Dach geflochten, Nahrung haltbar gemacht oder ein Kanu gebaut wird. Solche Fähigkeiten sind zugleich praktisch und bedeutungsvoll. Sie verbinden Menschen mit Land, Meer und miteinander.
Die für morgen angekündigte Sandzeichnung macht diese Verbindung besonders anschaulich. Nach der Beschreibung der UNESCO entstehen die Muster mit einem Finger in Sand, vulkanischer Asche oder Lehm. Eine durchgehende Linie bewegt sich über ein gedachtes Raster und formt häufig komplexe geometrische Figuren.
Doch das Ergebnis ist nicht bloß ein Bild. Die Zeichnungen können als Gedächtnishilfen für Rituale, lokale Geschichte, Verwandtschaft, landwirtschaftliches Wissen, Tanzmuster, Lieder und Erzählungen dienen. Die UNESCO betont, dass Zeichnung, Wissen, Gesang und Geschichte zusammengehören.
Das verändert den Blick auf das Vergängliche. Eine Sandzeichnung wird nicht dadurch wertlos, dass Wind oder eine Hand ihre sichtbare Spur löscht. Ihr Fortbestand liegt in der Fähigkeit eines Menschen, die Linie erneut zu ziehen, sie zu erklären und an die nächste Person weiterzugeben.
Zugleich darf die Aufnahme in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes im Jahr 2008 nicht zu der Annahme führen, alle Zeichnungen gehörten nun einem weltweiten Publikum. Sichtbarkeit und Besitz sind nicht dasselbe. Wissen kann öffentlich anerkannt und dennoch an Orte, Beziehungen oder Berechtigungen gebunden sein.
Vanuatu ist Naturgefahren und den zunehmenden Folgen des Klimawandels stark ausgesetzt. In diesem Zusammenhang bekommt ein Kulturfestival eine zusätzliche Dimension. Ein UNESCO-Projekt zu lebendigem Erbe und Katastrophenvorsorge, dessen Ergebnisse im März 2026 aktualisiert wurden, dokumentiert, wie Kenntnisse über Bauen, Landwirtschaft, Fischerei und gemeinschaftliche Organisation zur Vorsorge und Erholung beitragen können.
Musik, Rituale und Erzählungen erfüllen dabei keine technische Ersatzfunktion. Ein Lied hält keinen Zyklon auf. Es kann aber Zusammenhalt stärken, Erinnerungen an Handlungsweisen wachhalten und Menschen nach Verlust oder Vertreibung wieder miteinander verbinden. Kultur ist in diesem Sinn nicht nur das, was geschützt werden muss. Sie kann selbst Teil der Fähigkeit sein, Krisen gemeinsam zu bewältigen.
Das aktuelle UNESCO-Kulturprofil für Vanuatu beschreibt ebenfalls enge Beziehungen zwischen kastom, Bildung, Ökologie und Klimawissen. Lokale Sprachen spielen bei dieser Weitergabe eine zentrale Rolle. Kinder lernen damit nicht nur einen Tanz für einen Festtag. Sie treten in ein Geflecht von Begriffen, Orten und Verantwortlichkeiten ein.
Am Ende des heutigen Programms steht Durenabe. Das Publikum darf teilnehmen. Darin liegt eine schöne Form der Öffnung: Die Grenze zwischen Auftretenden und Zuschauenden wird für einen Moment durchlässig.
Mitmachen bedeutet jedoch nicht, eine Tradition nach wenigen Schritten zu beherrschen oder für sich beanspruchen zu können. Es bedeutet zunächst, aufmerksam zu beobachten, einer Anleitung zu folgen und die Grenzen der Einladung zu respektieren. Ein öffentlicher Tanz wird nicht kleiner, wenn Gäste ihre Rolle als Gäste ernst nehmen.
Für Radio TerraTanica gilt etwas Ähnliches. Wir können einen Klang senden und Nähe ermöglichen. Doch Nähe braucht Namen und Zusammenhänge. Wala, Nawersa, Billtetuge und Durenabe sind genauer als eine vage musikalische Reise in die „Südsee“. Genauigkeit nimmt der Begegnung nichts von ihrem Zauber. Sie schützt sie vor Austauschbarkeit.
Heute tanzen auf Malekula zuerst die Kinder. Darin liegt kein dekorativer Auftakt, sondern eine Zukunftsaussage. Eine Bewegung wird gezeigt, aufgenommen und beantwortet. Später tanzen Erwachsene, und am Ende öffnet sich der Kreis.
Vielleicht lässt sich lebendige Tradition so verstehen: nicht als Linie, die nur zurück in die Vergangenheit führt, sondern als Bewegung zwischen Menschen. Jemand kennt den nächsten Schritt. Jemand beginnt ihn gerade zu lernen. Und für einen Augenblick tragen beide dasselbe Wissen im Körper.
Recherche- und Faktenstand: 2. September 2026.
Geschrieben von: TerraTanica
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