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Bevor das Band verstummt

today1. September 2026

Hintergrund

Heute beginnen 24 Projekte zur Rettung gefährdeter Aufnahmen – und zeigen, warum kulturelles Gedächtnis mehr braucht als eine digitale Datei

Ein Tonband kann still werden, obwohl es noch im Regal liegt. Die Spule ist beschriftet, die Kassette scheint unversehrt, auf einer alten Videohülle steht vielleicht sogar ein Datum. Doch das Material altert, passende Geräte verschwinden und das Wissen über den Inhalt geht verloren. Irgendwann bleibt von einer singenden Stimme nur noch die Vermutung, dass sie einmal dort gewesen ist.

Heute, am 1. September 2026, beginnt deshalb eine Arbeit, die selten Bühnenlicht bekommt. Vierundzwanzig Einrichtungen in den USA und Kanada starten einjährige Projekte zur Digitalisierung gefährdeter Ton- und Videoaufnahmen. Der Council on Library and Information Resources, kurz CLIR, stellt dafür insgesamt 993.170 US-Dollar aus seinem Programm „Recordings at Risk“ bereit. Ausgewählt wurden 24 Vorhaben aus 94 Anträgen.

Nicht alle geförderten Sammlungen handeln von Musik. Gemeinsam ist ihnen etwas Grundlegendes: Geschichte besitzt eine Stimme, ein Tempo, eine Lautstärke und manchmal auch einen Refrain. Gehen audiovisuelle Aufnahmen verloren, verschwinden nicht nur Informationen. Wir verlieren die Möglichkeit zu hören, wie ein Mensch ein Wort formte, wie eine Gemeinde gemeinsam sang oder wie mehrere Trommeln miteinander sprachen.

Viele Archive, viele Arten des Erinnerns

Die Liste der Projekte ist eine Landkarte kultureller Beziehungen. Der Aqqaluk Trust will audiovisuelle Aufzeichnungen von Iñupiat-Wissensträgerinnen und -wissensträgern aus dem nordwestlichen Alaska sichern. Die Cinémathèque québécoise arbeitet an Filmen Arthur Lamothes zu Innu-Traditionen und -Sprache. Das Japanese American Cultural and Community Center digitalisiert Aufnahmen des Radioprogramms „Radio Li’l Tokyo“ aus den Jahren 1952 bis 2002.

An der University of Georgia geht es um afroamerikanische Gottesdienste und Choraufführungen, die Cleveland F. Lassiter zwischen 1968 und 2007 aufzeichnete. Der Bestandskatalog der Universität verbindet diese musikalischen Dokumente mit Briefen, Predigtnotizen, Fotografien, Familiengeschichte und Materialien aus dem kirchlichen Leben. Die Aufnahmen stehen also nicht allein. Sie gehören zu Beziehungen und Situationen, in denen gesungen wurde.

Auch die Southern University in Baton Rouge baut ein Musik- und Klangarchiv auf. Andere Projekte bewahren lokale Fernsehsendungen, mündliche Geschichte oder Umwelttöne. Diese Vielfalt widerspricht der Vorstellung, ein Archiv sei ein neutraler Keller, in dem alles nach demselben Prinzip abgelegt werden könne. Jede Sammlung stellt andere Fragen: Wer hat aufgenommen? Wer ist zu hören? Wem darf das Material zugänglich sein? Welche Erklärung braucht eine Stimme, damit sie nicht aus ihrem Zusammenhang gerissen wird?

Obo Addy: Mehrere Rhythmen, eine lange Beziehung

Ein musikalischer Schwerpunkt der neuen Förderrunde liegt in Portland, Oregon. Der Albina Music Trust erhält 42.635 US-Dollar für die Obo Addy Legacy Collection. Digitalisiert werden sollen Mehrspur-Studioaufnahmen und audiovisuelle Dokumente, die zeigen, wie ghanaische polyrhythmische Traditionen in der Diaspora vermittelt wurden.

Obo Addy wurde 1936 in Accra geboren und wuchs in der musikalischen Tradition der Ga auf. Das National Endowment for the Arts beschreibt, wie er Trommeln, Gesang und Tanz zunächst in seiner Familie lernte. Später arbeitete er in Ghana in unterschiedlichen Ensembles, tourte international und lebte seit 1978 in Portland. 1996 wurde er mit der National Heritage Fellowship ausgezeichnet.

Addy bewegte sich nicht zwischen zwei sauber getrennten Schubladen namens „traditionell“ und „modern“. Er leitete mit Okropong ein Ensemble für Musik und Tanz der Ga und verband in Kukrudu afrikanische und westliche Instrumente. Er unterrichtete, komponierte und schuf Begegnungen zwischen Musikerinnen, Musikern und Lernenden. Die Aufnahmen seines Wirkens dokumentieren deshalb nicht nur fertige Stücke. Sie können hörbar machen, wie Wissen weitergegeben, ein Arrangement aufgebaut und eine musikalische Idee im gemeinsamen Spiel verändert wurde.

Gerade Mehrspuraufnahmen besitzen dafür eine besondere Qualität. Einzelne Stimmen oder Instrumentengruppen wurden getrennt aufgenommen und später zusammengeführt. Bei der Digitalisierung lassen sich dadurch möglicherweise Beziehungen nachvollziehen, die in einer fertigen Mischung leicht überhört werden: Welcher rhythmische Einsatz beantwortet einen anderen? Wo entsteht Dichte, wo wird bewusst Platz gelassen?

Die Technik erklärt die Musik nicht. Aber sie kann eine Tür zu genauerem Hören öffnen.

Ein Community-Archiv ist kein musikalisches Mausoleum

Die Sammlung wird vom Albina Music Trust betreut. Die Organisation dokumentiert die Musikgeschichte der Schwarzen Community von Albina in Portland. Nach eigenen Angaben umfasst ihr Community-Archiv inzwischen mehr als 13.000 Fotografien, Filme, Aufnahmen, Objekte und mündliche Geschichten.

Entscheidend ist, was mit diesem Material geschieht. Der Trust organisiert Veranstaltungen, veröffentlicht restaurierte Musik und arbeitet mit Bildung und öffentlicher Vermittlung. In der Radiosendung „The Archive“ kehren seltene und restaurierte Aufnahmen sogar auf die lokalen Radiowellen zurück – kuratiert und mit Kontext versehen.

Damit wird das Archiv nicht als Endstation verstanden. Eine Aufnahme kann wieder Teil eines Gesprächs werden. Ältere Menschen erkennen vielleicht Namen und Orte, jüngere Musikerinnen entdecken eine Klanggeschichte ihrer Stadt, Familien ergänzen fehlende Angaben. Vergangenheit wird nicht unverändert zurückgeholt. Sie tritt in eine neue Beziehung zur Gegenwart.

Das passt besonders zu Obo Addys Arbeit. Wer sein musikalisches Erbe lediglich konservierte, würde einen wesentlichen Teil davon verfehlen: das Unterrichten, das gemeinsame Spielen und die Weitergabe zwischen Generationen.

Digitalisierung rettet den Inhalt – nicht automatisch den Zusammenhang

Die Übertragung alter Medien ist anspruchsvoller, als eine Kassette abzuspielen und auf „Speichern“ zu drücken. Für jedes Format braucht es geeignete, gut gewartete Technik. Pegel und Abspielgeschwindigkeit müssen stimmen, die digitale Aufnahme muss kontrolliert werden. Danach benötigen die Dateien sichere Speicherorte, überprüfbare Kopien und Informationen über Herkunft, Inhalt und technische Bearbeitung.

Die International Association of Sound and Audiovisual Archives betont deshalb, dass Tonerhaltung aus Standards, Dokumentation, geeigneten Dateiformaten und einer langfristigen Speicherstrategie besteht. Eine digitale Datei ist nicht unsterblich. Auch sie kann durch technische Fehler, fehlende Metadaten oder veraltete Systeme unbrauchbar werden.

Vor allem aber darf „zugänglich machen“ nicht bedeuten, jede Aufnahme unterschiedslos ins offene Internet zu stellen. In manchen Sammlungen finden sich persönliche Gespräche, rituelles Wissen oder kulturell sensible Inhalte. Die CLIR-Hinweise für Antragstellende erkennen ausdrücklich an, dass Zugangsbeschränkungen in solchen Fällen angemessen sein können.

Ein im April veröffentlichter Bericht zur Zukunft von „Recordings at Risk“ geht noch weiter. Er empfiehlt, unabhängige und communitybasierte Archive stärker zu unterstützen. Entscheidungen über Sammlung, Beschreibung, Zugang und Beschränkungen sollten nach Möglichkeit bei den Gemeinschaften liegen, die in den Materialien repräsentiert sind.

Das ist kein Hindernis für kulturelle Teilhabe. Es ist ein Teil verantwortlicher Teilhabe. Eine Stimme wird nicht respektiert, wenn man sie zwar technisch rettet, aber den Menschen die Kontrolle über ihren Zusammenhang entzieht.

Was Radioarchive lebendig hält

Auch ein Radiosender produziert täglich flüchtige Geschichte. Eine Moderation, ein Studiogespräch oder eine seltene Liveaufnahme wirkt im Moment selbstverständlich. Jahre später fehlen vielleicht der Name eines Instruments, die Zustimmung zur weiteren Nutzung oder die Information, wer eine Übersetzung beigetragen hat.

Archivarbeit beginnt deshalb nicht erst beim beschädigten Band. Sie beginnt beim sorgfältigen Benennen. Wer ist zu hören? In welcher Sprache? Wann und unter welchen Bedingungen wurde aufgenommen? Wer besitzt Rechte, und mit wem sollte vor einer neuen Veröffentlichung gesprochen werden?

Für Radio TerraTanica liegt darin eine besondere Aufgabe. Musik aus vielen Regionen darf nicht als anonyme Klangfarbe durch das Programm ziehen. Namen, Instrumente, Gemeinschaften und konkrete musikalische Beziehungen gehören zum Hören. Ein gutes Archiv bewahrt nicht nur den Ton. Es bewahrt Wege zurück zu den Menschen.

Heute werden alte Träger geprüft, Listen abgeglichen und erste Transfers vorbereitet. Vielleicht ist dabei noch kein geretteter Takt öffentlich zu hören. Trotzdem beginnt etwas Bedeutendes: Eine Gemeindeaufnahme, ein Radiogruß, ein Chor oder ein vielschichtiger Trommelrhythmus erhält die Chance, die nächste technische Generation zu erreichen.

Das Band wird eines Tages nicht mehr abspielbar sein. Die Beziehung, die es trägt, muss deshalb nicht verstummen.

Quellen

Recherche- und Faktenstand: 1. September 2026.

Geschrieben von: TerraTanica