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Zum Abschluss von Getxo Folk erinnert eine neue Produktion an Xalbador – und öffnet den Blick auf die baskische Kunst, Gedanken vor Publikum singend zu entwickeln.
Wer ein vertrautes Lied hört, wartet manchmal auf eine bestimmte Zeile. Wir wissen, wann sie kommt, und können sie innerlich schon mitsingen. Anders ist die Spannung, wenn die Worte gerade erst entstehen. Eine Stimme beginnt, eine Melodie gibt Orientierung, und der nächste Gedanke muss seinen Platz noch finden.
Die baskische Bertsolaritza macht aus diesem Moment eine eigene Kunst. Heute, am Sonntag, dem 13. September 2026, bietet das Getxo Folk Festival einen konkreten Anlass, ihr Aufmerksamkeit zu schenken: Um 20 Uhr ist im Ereaga-Saal des Kulturzentrums Muxikebarri die Premiere von „Xalbador, Urepeleko artzaina“ angekündigt.
Die Produktion erinnert im Jahr seines 50. Todestags an Fernando Aire, bekannt als Xalbador. Die musikalische Leitung übernimmt Joxan Goikoetxea. Zum Ensemble gehören unter anderem die Gesangsstimmen Aire Ahizpak, Pantxix Bidart und Olaia Inziarte, Erzähler Koldo Amestoy sowie die Bertsolaris Amets Arzallus und Xabier Amuriza. Der Veranstalter beschreibt den Abend als gegenwärtige künstlerische Auseinandersetzung mit Xalbador. Offizielle Produktionsbeschreibung
Was bedeutet Bertsolaritza? Das Etxepare Basque Institute beschreibt eine Praxis, in der gesungene Improvisation, Poesie, Humor und aktuelle Themen zusammenkommen. Ein „bertso“ bezeichnet dabei eine ganze Strophe. Gesungen wird unbegleitet auf einer bestimmten Melodie; ein Themengeber kann die Aufgabe stellen, auf die die Beteiligten reagieren.
Damit richtet sich die Aufmerksamkeit auf mehrere Dinge gleichzeitig: auf den Inhalt, auf die musikalische Form und auf die Beziehung zu den Menschen im Raum. Ein Gedanke muss verständlich werden, während die Aufführung bereits läuft. Eine Antwort kann überraschen, eine Wendung zum Lachen bringen oder einen zunächst leichten Moment ernst werden lassen.
Das Institut betont entsprechend die Wirkung auf das Publikum. Bertsolaritza findet in großen Sälen ebenso statt wie auf Plätzen oder an einem Tisch. Diese Spannweite ist aufschlussreich: Die Kunst hängt an einer sozialen Situation, nicht allein an der Größe einer Bühne. Einführung in Geschichte und Praxis
Improvisation wirkt von außen leicht wie ein plötzliches Geschenk. Jemand öffnet den Mund, und eine passende Zeile ist da. Doch gerade der Umgang mit einer Form verlangt Vertrautheit. Wer während des Singens entscheiden muss, braucht Möglichkeiten, auf die sich zurückgreifen lässt.
Das ist ein hilfreicher Gedanke auch jenseits dieser Tradition. Freiheit kann aus Übung entstehen. Eine vertraute Melodie nimmt eine Entscheidung ab und eröffnet Raum für eine andere. Eine Form begrenzt, aber sie kann zugleich tragen.
Das Etxepare-Institut verweist auf die Bedeutung der Bertso-Schulen und der Bildungsarbeit für die heutige Vielfalt der Szene. Die Fähigkeit zum spontanen Ausdruck besitzt also auch eine gemeinschaftliche Grundlage: Orte, an denen ausprobiert, zugehört und gelernt werden kann.
Eine Hommage an einen verstorbenen Improvisationskünstler stellt eine besondere Frage. Was lässt sich wiederaufnehmen, wenn ein Teil der ursprünglichen Wirkung an einen unwiederholbaren Moment gebunden war?
Ein überlieferter Text kann weiterhin berühren. Doch das erste Publikum hörte ihn unter anderen Bedingungen. Es kannte vielleicht einen Anlass, eine Person oder eine Anspielung, die später erklärt werden muss. Erinnerung braucht deshalb gelegentlich mehr als die Wiederholung der Worte.
Die heutige Produktion bringt Gesang, Erzählung und Bertsolaris zusammen. Diese Besetzung lässt unterschiedliche Zugänge erwarten. Wie viel dabei neu improvisiert und wie viel festgelegt ist, erläutert die Ankündigung nicht. Die gesamte Aufführung als Stegreifabend zu bezeichnen, würde deshalb zu weit gehen.
Gerade das Nebeneinander verschiedener Ausdrucksformen kann jedoch produktiv sein. Eine Erzählung kann Zusammenhänge öffnen; eine gesungene Passage kann sie emotional verdichten. Gegenwärtige Künstlerinnen und Künstler treffen eigene Entscheidungen darüber, wie eine frühere Stimme heute ankommen kann.
Wer kein Baskisch spricht, kann den Verlauf einer Stimme wahrnehmen, aber viele sprachliche Feinheiten bleiben zunächst verschlossen. Das verdient eine ehrliche Anerkennung. Eine Pointe, ein Bezug zum Alltag oder ein doppeldeutiges Wort lässt sich nicht allein aus der Melodie erschließen.
Zugleich muss fehlendes Sprachwissen die Neugier nicht beenden. Eine Einführung kann helfen, eine Übersetzung den Gedanken zugänglich machen. Beides ergänzt das Hören, ohne sämtliche Eigenschaften der gesungenen Sprache übertragen zu können.
Für Radio TerraTanica ist darin eine konkrete redaktionelle Aufgabe enthalten: den Namen einer Kunstform nennen, die beteiligten Personen vorstellen und erklären, worauf wir achten können. So wird aus einer ungewohnten Stimme eine Begegnung mit einer bestimmten Praxis.
Die 42. Ausgabe von Getxo Folk läuft vom 9. bis zum heutigen 13. September. Am letzten Tag stehen außerdem Kukai Dantza, die Fanfare Kutxus Areatxu und La Jose auf dem Programm. Die Xalbador-Hommage setzt am Abend einen Schwerpunkt auf Sprache und poetische Erinnerung.
Für unseren Sonntag ist das eine schöne Einladung: einmal auf jene Spannung zu achten, die vor einer Antwort entsteht. Wir kennen sie aus Gesprächen, aus dem gemeinsamen Nachdenken und aus Musik, die ihren Weg gerade erst findet.
Ein Gedanke braucht einen Moment. Eine Melodie hält ihm den Platz frei. Dann kommen die Worte – und die Menschen, die zuhören, gehören bereits zu ihrer Geschichte.
Recherchestand: 13. September 2026. Termine, Besetzung und Hintergrund wurden anhand der folgenden offiziellen Quellen geprüft.
Geschrieben von: TerraTanica
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