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Der Körper spielt mit

today12. September 2026 5

Hintergrund
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Faris Ishaq verbindet auf „JASAD“ palästinensische Musikpraxis und Jazz mit einer ungewöhnlichen Spielanordnung – und führt das Soloprojekt im Oktober in eine neue Begegnung.

Wo beginnt ein Instrument? Beim Holz, beim Metall, bei einer gespannten Saite? Bei einer Flöte gehört etwas dazu, das sich in keinem Instrumentenkoffer aufbewahren lässt: der Atem. Er setzt den Klang in Bewegung und verbindet eine musikalische Idee unmittelbar mit dem Körper.

Der palästinensische Musiker Faris Ishaq macht diese Beziehung zum Ausgangspunkt seines Projekts „JASAD“. Der Titel bedeutet auf Arabisch „Körper“. Auf der offiziellen Albumseite stehen sieben Stücke; veröffentlicht wurde das Album am 17. Juli 2026. Unser heutiger Blick gilt damit einer Sommerveröffentlichung, deren musikalischer Weg bereits weiterführt.

Im aktuellen Programm des Melbourne International Jazz Festival ist Ishaq für den 18. Oktober 2026 um 20 Uhr Ortszeit im JazzLab angekündigt. Er bringt Musik aus „JASAD“ mit; in der zweiten Konzerthälfte kommen Pianistin Zela Margossian und Perkussionist Adem Yilmaz hinzu. Die Veranstaltung entsteht in Partnerschaft mit dem EFG London Jazz Festival. Offizielle Konzertankündigung

Atem und Bewegung gehören zusammen

Ishaq spielt die Nay, auch Ney geschrieben, zusammen mit einer am Bein befestigten Rahmentrommel. Auf seiner Künstlerwebsite beschreibt er erweiterte Atem- und Spieltechniken, mit denen er akustisch vielschichtige Klänge erzeugt. Als Einflüsse nennt er seine frühe Erfahrung mit Dabke-Tanz, die rhythmische Nay-Improvisation Tashbib, arabische Maqam-Bezüge und Jazz, darunter John Coltrane.

Diese Angaben machen eine konkrete künstlerische Praxis sichtbar. Atem, Finger und Bein übernehmen unterschiedliche Aufgaben innerhalb derselben Aufführung. Daraus ergibt sich für uns eine spannende Frage: Wie verändert sich musikalisches Denken, wenn Melodie und rhythmischer Impuls durch einen einzigen Körper miteinander verbunden sind?

Eine solche Spielanordnung verlangt Entscheidungen. Eine Bewegung muss mit der nächsten vereinbar sein. Eine Phrase braucht Platz, ein rhythmischer Akzent Aufmerksamkeit. Die Begrenzung kann dabei Ideen hervorbringen: Welche Klangschichten lassen sich verbinden? Wo ist eine Pause wirkungsvoller als ein weiterer Ton?

Akustik als Erfindungsraum

Bei musikalischer Innovation denken wir schnell an neue Geräte oder Software. „JASAD“ lenkt die Aufmerksamkeit auf einen anderen Erfindungsraum: die Beziehung zwischen Material und Spieltechnik.

Das ist besonders interessant, weil die äußere Gestalt eines Instruments wenig darüber verrät, welche Möglichkeiten eine Person darin entdeckt. Ein vertrauter Gegenstand kann unter anderen Händen überraschend wirken. Dafür muss er weder umgebaut noch mit einer zusätzlichen Funktion versehen werden. Manchmal verändert eine andere Bewegung bereits die ganze musikalische Frage.

Ishaqs Ansatz lädt dazu ein, genau auf die Entstehung eines Tons zu achten. Kommt er weich oder entschieden? Wie lange bleibt er stehen? Welche Rolle spielt der Übergang zum nächsten Klang? Solche Fragen sind auch ohne Fachwissen zugänglich. Sie richten das Ohr auf Vorgänge, die hinter einer eingängigen Melodie leicht verschwinden.

Herkunft wird in der Arbeit konkret

Die von Ishaq genannten Bezüge verdienen mehr Aufmerksamkeit als ein allgemeines Etikett wie „orientalischer Klang“. Dabke, Tashbib und Jazz bezeichnen unterschiedliche Zusammenhänge. In seiner eigenen Projektbeschreibung werden sie zu Bestandteilen eines persönlichen musikalischen Weges.

Für das Zuhören ist diese Genauigkeit hilfreich. Sie erlaubt, eine palästinensische künstlerische Stimme wahrzunehmen, ohne einem einzelnen Musiker die Aufgabe zu übertragen, eine ganze Kultur zu repräsentieren. Ein Album ist eine konkrete Auswahl von Ideen, Formen und Möglichkeiten. Andere Künstlerinnen und Künstler können mit verwandten Erfahrungen ganz andere Musik entwickeln.

Ebenso lohnt es sich, Tradition als Arbeit zu betrachten: etwas üben, eine Bewegung verändern, eine vertraute Wendung prüfen. Kulturelle Zugehörigkeit und eigene Gestaltung können dabei gleichzeitig hörbar werden. Die interessante Frage ist, wie ein Musiker seine Erfahrungen in Entscheidungen übersetzt.

Vom Solo in die Begegnung

Das angekündigte Konzert in Melbourne erweitert diesen Gedanken. Margossians Kompositionen beziehen sich laut Festival auf armenische Musiktraditionen; Yilmaz bringt seine Arbeit als türkischer Perkussionist ein. Die zweite Hälfte des Abends verbindet Eigenkompositionen, traditionelle Einflüsse und Improvisation. Besetzung und Programm

Damit bietet der Abend die Möglichkeit, zwei unterschiedliche Situationen zu erleben: eine musikalische Organisation um einen einzelnen Körper und ein Zusammenspiel zwischen mehreren Menschen. Was im Solo unmittelbar koordiniert wird, kann im Ensemble zu einer Antwort werden. Eine andere Person darf einen Impuls aufnehmen, verzögern oder in eine neue Richtung führen.

Wie diese Begegnung tatsächlich klingt, wird sich erst beim Konzert zeigen. Schon die angekündigte Anlage ist jedoch ein guter Anlass, über die Beweglichkeit eines Projekts nachzudenken. Ein Solokonzept kann eine deutliche eigene Form besitzen und zugleich Raum für andere Stimmen öffnen.

Den Bewegungen hinter dem Klang zuhören

Für Radio TerraTanica liegt darin eine Einladung zum aufmerksamen Hören. Über Lautsprecher sehen wir die Rahmentrommel am Bein nicht. Wir verfolgen keine Fingerbewegung und keinen vorbereitenden Atemzug mit den Augen. Ein kurzer Hinweis auf die Spielweise kann deshalb viel verändern: Er gibt dem Klang eine körperliche Vorstellung.

Wer „JASAD“ auflegt, kann sich von den Titeln leiten lassen oder zunächst nur dem Wechsel zwischen Klang und Pause folgen. Es braucht dafür keinen vorgegebenen Eindruck. Die Musik darf eigene Fragen auslösen.

Vielleicht bleibt am Ende gerade diese im Ohr: Welche Bewegung steckt in dem Ton, der mich eben erreicht hat? Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zu dem Menschen, der ihn hervorbringt.

Quellen

Recherchestand: 12. September 2026. Albumdaten, Projektbeschreibung und angekündigtes Konzert wurden anhand der folgenden Primärquellen geprüft. Der Beitrag ist eine redaktionelle Vorstellung des Konzepts, keine Vor-Ort-Konzertkritik.

Geschrieben von: TerraTanica

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