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TerraTanica One World, Many Cultures, Countless Sounds.
Auf vielen Albumseiten steht hinter einem Stücktitel eine kleine Abkürzung: „arr.“. Arrangement. Leicht liest man darüber hinweg, auf der Suche nach dem bekannten Namen oder dem nächsten Abspielknopf. Dabei verbirgt sich dahinter eine ganze Reihe musikalischer Entscheidungen: Wer übernimmt die Melodie? Welche Stimme antwortet? Was bleibt stehen, was verändert sich, und wo bekommt die Musik Luft?
Das Debütalbum „Dust and the Moon“ von Rite of Strings, erschienen am 28. August 2026 bei Bright Shiny Things, bietet an diesem Sonntag einen schönen Anlass, genau dort hinzusehen. Neun Instrumentalstücke stehen auf dem Programm. Die offizielle Albumseite nennt zu jedem Titel ausdrücklich die Person oder Personen, die das Arrangement verantworten. Aus dem Kleingedruckten wird so ein Wegweiser durch die Zusammenarbeit.
Rite of Strings wird gemeinsam vom iranisch-amerikanischen Santoor-Spieler und Komponisten Ehsan Matoori sowie dem Bassisten, Komponisten und Arrangeur Edward Perez geleitet. Dazu kommen Eylem Basaldi an der Geige und Engin Kaan Günaydın am Schlagzeug. Die Projektvorstellung der Musiker verortet das Ensemble zwischen persischer Musik, mediterranen Einflüssen, Jazz und zeitgenössischer Komposition.
Schon die Besetzung weckt Fragen. Die Santoor, auch Santur geschrieben, ist ein Saiteninstrument, dessen Saiten mit kleinen hölzernen Schlägeln angeschlagen werden. Das British Museum erläutert diese Spielweise anhand einer historischen Darstellung. Melodie und perkussiver Anschlag liegen hier eng beieinander.
Eine Geige kann dagegen einen Ton mit dem Bogen verlängern und seinen Verlauf gestalten. Der Bass kann harmonischen Halt geben, aber ebenso selbst erzählen. Schlagzeug muss nicht nur die Zeit markieren; es kann auf eine Phrase reagieren oder einen Übergang öffnen. Das sind Möglichkeiten dieser Instrumente, keine festen Rollen. Genau zwischen solchen Möglichkeiten arbeitet ein Arrangement.
Die spannende Frage lautet deshalb nicht allein: Wie klingt eine Santoor neben einer Geige? Sondern auch: Was können beide tun, wenn niemand von vornherein auf Hauptstimme oder Begleitung festgelegt wird?
Matooris musikalischer Weg begann früh. Nach seiner eigenen Biografie lernte er die Santoor ab dem neunten Lebensjahr nach der Methode Faramarz Payvars und beschäftigte sich später mit instrumentalem und vokalem Radif bei Parviz Meshkatian und Pashang Kamkar. Hinter seinem Instrument stehen damit konkrete Lehrtraditionen und langjährige Beschäftigung mit persischer Musik.
Perez bringt andere Wege mit. Er begann als Jazzbassist, erweiterte seine Arbeit um lateinamerikanische Musik und lebte zwei Jahre in Lima. Dort spielte er unter anderem mit afroperuanischen Musikern wie Eva Ayllón und Juan Medrano Cotito. Seine Künstlerbiografie beschreibt diese Erfahrungen als wichtigen Teil seiner Entwicklung.
Basaldi wiederum verbindet ihre klassische Ausbildung am New England Conservatory mit musikalischer Arbeit in unterschiedlichen Traditionen. Auf ihrer eigenen Website nennt sie unter anderem Dolunay, eine von ihr mitgegründete Gruppe für die Musik Rumeliens, sowie das internationale Projekt Sandaraa mit seinem Bezug zur belutschischen Musik Pakistans.
Solche Lebenswege passen nicht in eine einfache Besetzungsliste nach Herkunftsländern. Niemand bringt nur eine musikalische Sprache mit. Jede Zusammenarbeit beginnt bereits mit Menschen, die verschiedene Formen des Hörens, Übens und Improvisierens kennengelernt haben.
Die Albumcredits machen unterschiedliche Arbeitskonstellationen sichtbar. Das Titelstück ist von Matoori arrangiert, „Sorood-e Tanhaie“ gemeinsam von Matoori und Perez. Für „Ağıt (Lament)“ zeichnet Basaldi verantwortlich; die Bearbeitung der „Gnossienne No. 1“ liegt bei Perez. Diese Zuordnungen stehen in der Trackliste des Labels.
Komposition und Arrangement sind nicht dasselbe. Eine Komposition liefert musikalische Gedanken und Zusammenhänge. Das Arrangement kann diese für eine bestimmte Besetzung neu ordnen: Stimmen verteilen, Begleitfiguren entwickeln, Register auswählen oder Platz für Improvisation schaffen. Wie weit beide Tätigkeiten ineinandergreifen, hängt vom jeweiligen Stück und der Arbeitsweise ab.
Bei „Xur“ lässt sich diese Unterscheidung konkret nachvollziehen. Matoori nennt das Stück in seinem offiziellen Musikvideo als eigene Komposition; das Album weist Perez als Arrangeur aus. Eine musikalische Idee geht damit durch mehr als eine gestaltende Hand.
Das ist ein genauerer Begriff von Begegnung als das bloße Nebeneinander verschiedener Instrumente. Zusammenarbeit findet auch dort statt, wo jemand eine vertraute Idee anders gewichtet, eine Antwort ergänzt oder eine Passage bewusst offenlässt. Die Credits zeigen nicht jeden Moment dieses Prozesses. Aber sie geben der Arbeit Namen.
Einen besonders anschaulichen Zugang bietet „Qeshm“. Die Farhang Foundation veröffentlichte die Videopräsentation des Stücks am 6. August 2026. Matoori komponierte und arrangierte es; als Gast wirkt Klarinettist Ismail Lumanovski mit.
Die Stiftung schildert die Idee hinter der Musik als imaginäre Fahrradfahrt über die Insel Qeshm im Persischen Golf. Matoori stellte sich vor, ihren Wegen und Landschaften zu folgen, bis die Fahrt gleichsam über den Horizont hinausführen könnte. Die Präsentation verbindet das Stück mit rhythmischen Anregungen aus dem Süden Irans und zeitgenössischer Improvisation.
Das ist keine Reisebeschreibung, die wir wörtlich überprüfen oder musikalisch nachfahren müssten. Es ist das offengelegte Vorstellungsbild eines Komponisten. Wer davon weiß, kann mit einer zusätzlichen Frage hören: Wie wird aus der Idee von Bewegung eine musikalische Form? Andere Hörende dürfen dabei ganz andere Bilder entwickeln.
Zwischen eigenen Werken der Ensemblemitglieder steht mit Erik Saties „Gnossienne No. 1“ ein Stück aus einem anderen Repertoire. Die Veröffentlichungsmitteilung von Bright Shiny Things, bereitgestellt durch Vivo Musique Internationale, bestätigt Satie als einen der auf dem Album vertretenen Komponisten.
Eine solche Auswahl verschiebt die Perspektive. Nicht nur die Santoor betritt einen neuen Zusammenhang; auch ein vertrauter europäischer Werktitel begegnet einer anderen Besetzung. Das vermeintlich Bekannte muss sich ebenso bewegen wie das für manche Ohren Ungewohnte.
Für das Hören ist das ein guter Ausgangspunkt. Wir können auf Wiedererkennen achten, aber genauso auf Veränderungen: Welche musikalische Linie bleibt uns im Gedächtnis? Welches Instrument lenkt die Aufmerksamkeit? Wann hören wir eine einzelne Stimme, wann das Verhältnis mehrerer Stimmen zueinander?
Die Zusammenarbeit hatte Zeit im gemeinsamen Raum: Laut Projektseite kamen die Musiker vom 11. bis 17. Mai 2026 in New York zum Proben und Aufnehmen zusammen. Auf die Veröffentlichung folgt nun ein Konzert: Joe’s Pub in New York kündigt Rite of Strings für den 30. September 2026 um 19 Uhr Ortszeit an.
Für Radio TerraTanica liegt der Reiz dieses neuen Albums schon in der Einladung, einmal anders auf eine Veröffentlichung zu schauen. Nicht nur auf die Solisten, die Herkunft eines Instruments oder das Genre. Sondern auf die Menschen, die eine musikalische Idee gemeinsam in Form bringen.
Eine Melodie kann von einer Person stammen. Wie sie anderen begegnet, ist eine weitere Geschichte. Manchmal beginnt diese Geschichte mit drei unscheinbaren Buchstaben hinter dem Titel: arr.
Alle Quellen wurden am 30. August 2026 geprüft.
Geschrieben von: TerraTanica
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