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TerraTanica One World, Many Cultures, Countless Sounds.
Heute ist Donnerstag, der 27. August 2026. Auf einer Bühne im dänischen Tønder stehen fünf Stühle im Halbkreis. Um 12.30 Uhr nehmen Beinir, Lea Kampmann, Luna Ersahin, Sam Kelly und Ríoghnach Connolly dort Platz. Sie singen nacheinander, hören einander zu und erzählen die Geschichten hinter ihren Liedern.
Das Tønder Festival nennt das Format „Minority Language Circle“. Im Mittelpunkt stehen Färöisch, Kurdisch, Gälisch und Kornisch – Sprachen, die in den großen nationalen und internationalen Musikprogrammen vergleichsweise selten zu hören sind. Der offizielle Programmtext beschreibt eine bewusst einfache Anordnung: Die Künstlerinnen und Künstler sitzen gemeinsam im Halbkreis, wechseln sich mit ihren Liedern ab und geben dem Publikum Einblick in deren Hintergründe.
Es ist kein Wettbewerb darum, welche Sprache am gefährdetsten, ältesten oder vermeintlich geheimnisvollsten klingt. Es ist eine Begegnung. Jede Stimme bringt einen anderen historischen, politischen und persönlichen Zusammenhang mit. Gerade deshalb ist der gemeinsame Kreis interessant: Er schafft Nähe, ohne Gleichheit zu behaupten.
Der Begriff „Minderheitensprache“ kann leicht missverstanden werden. Er sagt nichts über den Reichtum einer Sprache aus, nichts über ihre Ausdruckskraft und auch nichts darüber, wie viele Erinnerungen, Witze, Zärtlichkeiten oder alltägliche Gespräche in ihr leben. Er beschreibt ein Verhältnis: zu dominanteren Sprachen, zu Institutionen, Medien, Bildung und öffentlicher Sichtbarkeit.
Auch die vier Sprachen des heutigen Konzerts befinden sich nicht in derselben Situation. Färöisch ist National- und Amtssprache der Färöer und wird nach Angaben der färöischen Regierung weltweit von etwa 75.000 bis 80.000 Menschen gesprochen. Kornisch, auch Kernewek genannt, wird seit Jahrzehnten durch gemeinschaftliche Bildungs- und Kulturarbeit wiederbelebt. „Kurdisch“ bezeichnet mehrere Sprachvarietäten und weit verstreute Gemeinschaften; auf der Festivalbühne steht die konkrete Erfahrung einer kurdisch-dänischen Künstlerin. Und wenn das Programm „Gaelic“ ankündigt, führt Ríoghnach Connolly in eine irische Gesangswelt, die durch Familie, Region und mündliche Weitergabe geprägt ist.
Diese Unterschiede dürfen hörbar bleiben. Kulturelle Vielfalt wird nicht respektvoller, wenn alle Erfahrungen in eine einzige Erzählung vom „bedrohten Erbe“ gepresst werden. Sie wird genauer, wenn Menschen selbst erzählen können, was eine Sprache in ihrem Leben bedeutet.
Auf den Färöern besitzt das Singen eine besondere sprachgeschichtliche Bedeutung. Über lange Zeit war Färöisch aus Schulen, Kirchen und offiziellen Dokumenten verdrängt, blieb aber in Balladen, Erzählungen und im Alltag lebendig. Die färöische Regierung hebt ausdrücklich hervor, dass die Tradition der Balladen und Lieder dazu beigetragen hat, die Sprache über Jahrhunderte zu bewahren. Heute entstehen in ihr ebenso traditionelle wie zeitgenössische Songs.
Beim Circle begegnen sich mit Beinir und Lea Kampmann zwei gegenwärtige färöische Songwriter-Perspektiven. Kampmann wurde auf den Färöern geboren und wuchs seit ihrem fünften Lebensjahr in Kopenhagen auf. Ihr färöisches Label TUTL beschreibt ihr Album „Seinferð“ als Versuch, färöische Kultur und vor allem die Sprache einem dänischen Publikum näherzubringen. Dabei geht es nicht um eine Rückkehr in eine unberührte Vergangenheit. Kampmann schreibt zeitgenössische Lieder aus einer Biografie zwischen zwei kulturellen Räumen.
Gerade das macht ihre Sprachwahl bedeutsam. Eine Sprache ist nicht nur dann lebendig, wenn sie alte Texte bewahrt. Sie lebt auch, wenn in ihr neue Bilder, neue Melodien und neue Formen von Pop und Folk entstehen. TUTL formuliert Kampmanns Anliegen nicht als politischen Vortrag, sondern als musikalische Einladung. Das Lied ersetzt keine Sprachpolitik. Es kann aber einen Klang vertraut machen, der im dänischen Musikalltag noch oft überhört wird.
Luna Ersahin ist Sängerin und Saz-Spielerin der dänischen Band AySay. Die Gruppe verbindet anatolische Volksmusik mit nordischer Elektronik und singt auf Dänisch, Türkisch und Kurdisch. Beim heutigen Circle wird Ersahin nach Angaben des Festivals auf Kurdisch singen.
Die offizielle Festivalvorstellung von AySay beschreibt ihre Songs als Ausdruck des Lebens einer kurdisch-dänischen Frau im heutigen Dänemark. Das Entscheidende daran ist das verbindende „und“. Herkunft und Gegenwart werden nicht zu zwei Seiten erklärt, zwischen denen sich ein Mensch endgültig entscheiden müsste.
Mehrsprachigkeit kann in einem Lied nebeneinanderstehen, sich reiben oder ineinanderfließen. Ein Instrument wie die Saz trägt eigene musikalische Beziehungen mit, doch es muss nicht als Symbol für eine ganze Region herhalten. Elektronische Klänge machen die Tradition nicht weniger echt. Sie zeigen, dass kulturelle Identität kein stillgestelltes Erbstück ist, sondern in heutigen Städten, Studios und Biografien weitergeschrieben wird.
Dabei wäre es zu einfach, „Kurdisch“ als ein einziges, überall gleich gesprochenes Idiom zu behandeln. Das Festivalformat gewinnt gerade dann an Wert, wenn das allgemeine Etikett nicht das letzte Wort behält und die Künstlerin selbst den persönlichen Zusammenhang ihres Liedes öffnen kann.
Sam Kelly bringt Kornisch in den Kreis. Der britische Folksänger arbeitet mit überlieferten Balladen und neuen Kompositionen; seine musikalischen Wurzeln reichen zugleich in die irische Sean-nós-Tradition seiner Familie. Laut Künstlerporträt des Festivals gewann er 2015 mit einem kornischen Lied den Pan Celtic Song Contest und sang als erster Künstler auf Kornisch im landesweiten britischen Radio.
Die Geschichte des Kernewek wird oft als außergewöhnliche Wiederbelebung erzählt. Entscheidend daran sind jedoch nicht nur symbolische Auftritte, sondern Menschen, die die Sprache im Alltag verwenden und weitergeben. Erst im Juni 2026 kamen in Cornwall Kinder aus elf Schulen zusammen, um Lieder, Reime und Geschichten auf Kernewek vorzutragen. Nach Angaben des Cornwall Council erreicht das Programm „Go Cornish“ inzwischen mehr als 6.000 Kinder an 30 Grundschulen.
Hier zeigt sich eine wichtige Verbindung: Die Festivalbühne kann Aufmerksamkeit schaffen, doch die Zukunft einer Sprache entsteht ebenso im Klassenraum, im Familiengespräch, im Chor und beim gemeinsamen Singen eines einfachen Refrains. Ein prominenter Auftritt und ein Kinderlied erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Beide können sagen: Diese Sprache gehört nicht nur ins Archiv. Sie darf benutzt werden.
Ríoghnach Connolly kommt aus County Armagh und ist als Sängerin, Flötistin und Songwriterin zwischen traditioneller irischer Musik, Folk, Soul und weiteren musikalischen Formen zu Hause. 2025 wurde sie bei den RTÉ Radio 1 Folk Awards als beste Folksängerin ausgezeichnet. In ihrer Dankesbotschaft verwies sie auf ihre Familie, den Armagh Pipers Club und ihre eigene Beziehung zur irischen Sprache – dokumentiert von ihrem Label Real World Records.
Die irische Tradition des Sean-nós-Gesangs macht besonders deutlich, dass ein Lied nicht nur aus übersetzbaren Wörtern besteht. Das irische Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes beschreibt Sean-nós als „alte Art“ des unbegleiteten Singens in irischer Sprache. Verzierungen, Phrasierung, regionale Stile und die Beziehung zwischen singender und zuhörender Person gehören zur Form. Wer nur den Text überträgt, hat deshalb noch nicht das ganze Lied übertragen.
Das bedeutet nicht, dass Außenstehende ausgeschlossen bleiben. Es verändert lediglich die Haltung beim Zuhören. Wir müssen nicht so tun, als hätten wir nach einer kurzen Einführung alles verstanden. Nähe kann auch darin liegen, einer Stimme aufmerksam zu folgen und anzuerkennen, dass sie mehr trägt, als wir in diesem Moment erfassen.
Das Circle-Format ist für diese Begegnung gut gewählt. Eine Reihe einzelner Konzerte könnte die Sprachen nacheinander präsentieren und wieder voneinander trennen. Im Halbkreis bleiben die anderen Künstlerinnen und Künstler sichtbar. Während eine Person singt, hören vier weitere zu. Danach wechselt die Mitte, ohne dass jemand den gemeinsamen Raum verlässt.
So entsteht keine repräsentative Weltschau. Fünf Menschen können weder vier Sprachen vollständig abbilden noch für alle sprechen, die sie verwenden. Sie können aber konkrete Beziehungen hörbar machen: zu Großeltern und Kindern, zu einem Ort, zu Migration, zu einer wiedergefundenen Ausdrucksform oder zu einem Wort, das in keiner Übersetzung genau dasselbe Gewicht besitzt.
Der Gesamtspielplan des Tønder Festivals verbindet große Abendkonzerte mit solchen Gesprächs- und Songwriterformaten. Der Minority Language Circle steht damit nicht außerhalb des Festivals wie ein pädagogischer Zusatz. Er gehört mitten in ein Programm aus Folk, Roots und gegenwärtigem Songwriting.
Für ein Publikum, das die jeweilige Sprache nicht spricht, besitzt Musik eine unmittelbare Kraft. Atem, Tonhöhe, Rhythmus und Dynamik erreichen uns vor einer wörtlichen Übersetzung. Doch der schöne Satz „Musik ist eine universelle Sprache“ reicht nicht aus. Er kann Unterschiede unsichtbar machen und uns glauben lassen, wir bräuchten keine Namen und Zusammenhänge mehr.
Respektvolles Hören verbindet beides: die Offenheit, sich ohne vollständiges Verstehen berühren zu lassen, und die Neugier, genauer hinzusehen. Wie heißt die Sprache? Wer singt? Aus welcher persönlichen und musikalischen Beziehung kommt das Lied? Was lässt sich übersetzen – und was bleibt an Aussprache, Erinnerung oder Erfahrung gebunden?
Auch Radio trägt hier Verantwortung. Ein Song in einer seltener gesendeten Sprache sollte nicht nur als exotische Klangfarbe zwischen zwei Moderationen auftauchen. Die korrekte Nennung von Künstlerin, Sprache und Kontext gibt ihm einen Ort. Wiederholtes Spielen kann aus dem ungewohnten Klang eine vertraute Stimme machen.
Der heutige Halbkreis in Tønder erinnert daran, dass eine Sprache nicht allein in Wörterbüchern überlebt. Sie lebt, wenn Menschen in ihr streiten und scherzen, lehren und träumen – und wenn sie neue Lieder schreiben, die morgen jemand anderes mitsingen möchte.
Vielleicht versteht nicht jeder Mensch im Publikum jede Zeile. Aber alle können wahrnehmen, dass hier niemand bloß ein kulturelles Beispiel vorführt. Fünf Künstlerinnen und Künstler bringen ihre Gegenwart auf die Bühne. Eine Stimme beginnt. Die anderen hören zu. Und eine Sprache bekommt für die Dauer eines Liedes nicht nur Aufmerksamkeit, sondern Raum.
Geschrieben von: TerraTanica
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