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TerraTanica One World, Many Cultures, Countless Sounds.
Heute ist Mittwoch, der 26. August 2026. Im Cassiobury Park im englischen Watford steht ein Gebilde, das von außen wie eine große, farbige Landschaft wirkt. Wer es betritt, gelangt in ein Labyrinth aus rund siebzig miteinander verbundenen Kammern. Tageslicht fällt durch farbige Flächen, Wege verzweigen sich, und irgendwo hinter der nächsten Biegung erklingt Musik.
Beim Watford Colourscape Festival gibt der Multiinstrumentalist Michael Ormiston heute zwischen 11.30 und 15.30 Uhr frei fließende, interaktive Aufführungen und Workshops für Familien. Das begehbare Kunstwerk ist von 11 bis 16.10 Uhr geöffnet. Niemand sitzt hier in festen Reihen. Das Publikum entscheidet selbst, ob es einem Klang folgt, stehen bleibt, weitergeht oder sich beteiligt.
Damit verändert sich eine Grundordnung des Konzerts: Musik befindet sich nicht mehr nur vorne. Sie kann von der Seite kommen, hinter einer Wand verschwinden und in einer anderen Kammer verwandelt wieder auftauchen.
Ein gewöhnlicher Konzertsaal versucht, möglichst vielen Menschen einen ähnlichen Höreindruck zu ermöglichen. Colourscape tut fast das Gegenteil. Die Stadt Watford beschreibt etwa siebzig verbundene Räume, in denen Musikerinnen und Performer unerwartet auftauchen können. Jede Person wählt einen eigenen Weg und hört deshalb eine eigene Mischung.
Ein tiefer Ton erreicht vielleicht zuerst den Körper, bevor seine Quelle sichtbar wird. Eine helle Klangfarbe zieht durch mehrere Kammern, wird von Stimmen, Schritten und dem Material der Wände überlagert. Wer sich bewegt, verändert Entfernung und Perspektive. Das Publikum hört nicht nur die Musik – es hört auch den eigenen Standort.
Diese Erfahrung erinnert daran, dass Hören immer räumlich ist. Auch im Alltag verrät uns ein Klang, ob etwas nah oder fern, offen oder verborgen ist. Ein Bahnhof, eine Küche, ein Wald und ein Treppenhaus besitzen eigene akustische Handschriften. Meist nehmen wir sie nur nebenbei wahr. Im Farbenlabyrinth wird diese alltägliche Fähigkeit zum Mittelpunkt.
Der Veranstalter Eye Music kündigt die Wochentage ausdrücklich als familienfreundliche Aufführungen an, bei denen Besucherinnen und Besucher mitmachen können. Das klingt zunächst spielerisch – und ist zugleich eine ernsthafte künstlerische Entscheidung.
Teilnahme bedeutet hier nicht, dass alle sofort ein Instrument beherrschen müssen. Sie kann mit einer einfachen Reaktion beginnen: einem Ton antworten, einen Rhythmus aufnehmen, die Richtung wechseln oder einer anderen Person Raum geben. Aus Publikum werden Mitwirkende, ohne dass die Erfahrung in einen Wettbewerb um Aufmerksamkeit kippen muss.
Improvisierte Musik erhält dadurch Material, das vorher nicht vollständig planbar ist. Ein Kind bleibt vor einer Klangquelle stehen. Eine Gruppe zieht weiter. Schritte werden schneller oder langsamer. Die Musiker reagieren auf Nähe, Bewegung und die wechselnde Akustik. Keine Runde durch das Labyrinth kann deshalb exakt wiederholt werden.
Diese Offenheit hat eine besondere Wärme. Wer ein klassisches Konzertformat noch nicht kennt, muss hier keine unsichtbaren Regeln erraten: Wann darf ich mich bewegen? Wo ist mein Platz? Darf ich ein Geräusch machen? Im Colourscape sind Bewegung und Entdeckung Teil der Form.
Michael Ormiston arbeitet als Komponist, Multiinstrumentalist und Workshop-Leiter. Besonders intensiv beschäftigt er sich mit mongolischem Khöömii, einer Form des Obertonsingens. Nach seiner eigenen Biografie reiste er erstmals 1993 in die Mongolei, um bei dem Hirten und Khöömii-Sänger Tserendavaa zu lernen. Während weiterer Aufenthalte studierte er bei mehreren mongolischen Lehrern.
Beim Khöömii formt eine singende Person den Klang so, dass über einem tiefen Grundton deutlich wahrnehmbare Obertöne hervortreten. Für ungeübte Ohren kann es wirken, als erklängen mehrere Stimmen zugleich. Die UNESCO beschreibt die mongolische Tradition als eine im Westen der Mongolei und im Altai verwurzelte Gesangskunst, die häufig Klänge der Natur aufgreift. Sie wurde 2010 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.
Für den heutigen Termin wird kein vollständiges Instrumentarium angegeben. Ormistons langjährige Arbeit mit Obertonklang hilft jedoch zu verstehen, warum er gut in dieses räumliche Format passt: Obertöne verändern sich mit dem Raum, der Entfernung und der Aufmerksamkeit der Hörenden. Ein Klang, der zunächst kompakt erscheint, kann sich beim genaueren Hinhören auffächern.
Wichtig ist dabei, Khöömii nicht als geheimnisvollen Effekt ohne Herkunft zu präsentieren. Eine lebendige Musiktradition hat Namen, Orte und Lehrer. Wenn sie außerhalb ihres Entstehungskontextes vermittelt wird, gehören diese Beziehungen zur Geschichte des Klangs.
Colourscape verbindet Musik mit intensiv gefärbtem Licht. Das bedeutet nicht, dass eine bestimmte Farbe für alle Menschen denselben Ton besitzt. Wahrnehmung ist individueller und kulturell vielfältiger. Dennoch beeinflusst die Umgebung, worauf wir achten.
Ein warmer roter Raum kann Nähe anders erscheinen lassen als eine helle gelbe Kammer oder ein kühler blauer Gang. Die Farbe verändert nicht die physikalische Tonhöhe. Sie verändert aber möglicherweise unsere Erwartung, unsere Bewegung und die Zeit, die wir einem Klang geben.
So entsteht kein Lehrbuch über festgelegte Beziehungen zwischen Auge und Ohr. Es entsteht ein Versuchsfeld. Was höre ich, wenn ich langsamer gehe? Welcher Klang zieht mich an? Was verändert sich, wenn ich die Quelle nicht sehen kann? Und wie fühlt sich Musik an, wenn sie nicht vor mir liegt, sondern mich umgibt?
Radio besitzt keine farbigen Kammern. Doch auch hier bewegt sich Klang durch Räume: durch ein Wohnzimmer, eine Werkstatt, ein Auto oder Kopfhörer auf einem Spaziergang. Dasselbe Musikstück kann an jedem Ort anders wirken.
Für Radio TerraTanica ist darin eine schöne Einladung enthalten. Weltmusik muss nicht wie eine Sammlung ferner Objekte präsentiert werden. Sie kann ein Weg sein, der sich beim Hören verzweigt. Eine Stimme führt zu einer Region, ein Instrument zu einer Geschichte, ein Rhythmus zu Menschen, deren Namen wir kennenlernen können.
Der heutige Tag im Cassiobury Park erinnert uns daran, dass Zuhören keine reglose Tätigkeit sein muss. Wir können einem Klang entgegengehen, Abstand gewinnen, umkehren und neu beginnen. Wir können andere Menschen wahrnehmen, die denselben Raum auf einem anderen Weg durchqueren.
Vielleicht wartet Musik tatsächlich manchmal hinter der nächsten Ecke. Nicht, weil sie sich vor uns versteckt – sondern weil wir uns bewegen müssen, um ihr anders zu begegnen.
Geschrieben von: TerraTanica
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