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TerraTanica One World, Many Cultures, Countless Sounds.
Heute ist Montag, der 24. August 2026. Im Studio Theatre des Edinburgh International Festival öffnet am Abend ein ungewöhnlicher Imbiss. An der Theke warten keine gewöhnlichen Gäste, sondern eine robotische Aalfigur, eine Schnecke und ein Gummibär. Dazwischen steht der südkoreanische Theatermacher und Komponist Jaha Koo, bereitet Speisen zu und erzählt von kultureller Anpassung, Rassismuserfahrungen, Heimweh und der Frage, wo ein Mensch zu Hause ist.
Die schottische Erstaufführungsserie von „Haribo Kimchi“ endet heute mit einer Vorstellung um 20 Uhr. Das 70-minütige Stück wird auf Englisch und Koreanisch gespielt. Es verbindet Live-Performance, Musik, Video, Robotik und Kochen zu einer Form, die sich nicht bequem als Konzert, Theaterabend oder kulinarische Vorführung einordnen lässt.
Gerade darin liegt seine Stärke. Migration folgt schließlich ebenfalls keinem sauberen Genre. Sie betrifft Sprache und Körper, Alltag und Erinnerung, Geschmack und Selbstbild. Sie kann gleichzeitig Erweiterung und Verlust bedeuten.
Schauplatz ist eine Pojangmacha, wie die mobilen oder zeltartigen Nachtimbisse auf südkoreanischen Straßen genannt werden. Solche Orte stehen zwischen Öffentlichkeit und Nähe. Menschen kommen nach der Arbeit, essen, trinken und teilen für eine Weile denselben kleinen Raum. Man muss einander nicht kennen, um nebeneinander Platz zu nehmen.
In „Haribo Kimchi“ wird dieser Imbiss zum persönlichen Archiv. Der Produzent CAMPO beschreibt eine sinnliche Bühne: den Geschmack von Seetangsuppe, das Schneiden einer Gurke und das Zischen von Pilzen auf heißem Feuer. Diese Vorgänge sind nicht bloß Dekoration. Sie geben Koos Erinnerungen Rhythmus und Körper.
Ein Rezept speichert Wissen anders als ein Buch. Mengen können nach Gefühl bestimmt, Handgriffe beobachtet und Geschmäcker über Generationen angepasst werden. Zugleich ist keine Speise ein unveränderliches Nationalsymbol. Zutaten wechseln, Familien kochen unterschiedlich, und Migration bringt neue Möglichkeiten ebenso wie Ersatzlösungen hervor.
Wenn Essen in der Fremde an Heimat erinnert, bedeutet das deshalb nicht, dass Heimat auf eine Schüssel Suppe reduziert werden kann. Vielmehr trägt die Speise eine konkrete Beziehung: zu Menschen, Situationen, Gerüchen und früheren Versionen des eigenen Lebens.
Das Publikum kann eine Speise sehen und riechen. Noch bevor jemand kostet, hört es jedoch das Messer auf dem Brett, das Wasser, die Pfanne und die Stimme des Kochenden. Die Küche besitzt ihre eigene Partitur.
Jaha Koo verantwortet bei der Produktion nicht nur Konzept und Regie, sondern auch Musik, Klang und Video. Seine Künstlerbiografie bei CAMPO beschreibt eine Praxis, in der sich eigene Kompositionen, Texte, Projektionen, Performance und robotische Objekte miteinander verbinden. Technik erscheint dabei nicht als kalter Gegensatz zu Erinnerung. Die Robotertiere werden zu eigenwilligen Gesprächspartnern für Erfahrungen, die sich im realistischen Bühnengespräch vielleicht kaum aussprechen ließen.
Musik erfüllt eine ähnliche Aufgabe. Sie muss nicht erklären, was ein bestimmter Geschmack „bedeutet“. Sie kann Übergänge schaffen zwischen Witz und Melancholie, zwischen einem alltäglichen Handgriff und einer schmerzhaften Erinnerung. Ein Klang darf widersprüchlich bleiben, wo eine eindeutige Aussage zu klein wäre.
Für das Radio ist dieser Gedanke besonders vertraut. Ein Duft lässt sich nicht senden. Doch das Zischen einer Pfanne, ein Atemzug vor einem Satz oder das Klappern einer Schale kann im Kopf der Hörenden einen ganzen Raum öffnen. Klang transportiert keine fertige Erinnerung. Er lädt die eigene Erinnerung ein, ihm entgegenzukommen.
Das Edinburgh International Festival beschreibt „Haribo Kimchi“ als Bewegung zwischen kultureller Wertschätzung und kultureller Entfremdung. Dieser Unterschied ist wichtig. Interesse an einem Essen oder einer Musik kann Nähe schaffen. Es kann aber auch oberflächlich bleiben, wenn die dazugehörigen Menschen gleichzeitig mit Abwertung oder Anpassungsdruck konfrontiert werden.
Koo lebt nach Angaben des Festivals seit 2011 in Europa und erlebt sich bei Besuchen in Korea inzwischen mitunter selbst als Tourist. Das Stück nimmt diese Zwischenposition ernst. Es erzählt nicht von zwei sauber getrennten Welten, zwischen denen man sich nur entscheiden müsste. Zugehörigkeit kann sich verändern, ohne dass eine frühere Bindung verschwindet. Ein Mensch kann sich an mehreren Orten auskennen und sich dennoch nirgends vollständig selbstverständlich fühlen.
Die Produktion spricht dabei ausdrücklich auch über Rassismus. Diese Erfahrung darf nicht durch den Charme der Kochsituation oder die verspielten Roboter verniedlicht werden. Gerade die Mischung aus Absurdität, Wärme und Schmerz macht jedoch sichtbar, dass ein Leben nicht auf seine Verletzungen reduziert werden sollte. Menschen in der Diaspora erzählen nicht nur Geschichten des Verlusts. Sie schaffen Humor, Kunst, Geschmack und neue Formen von Gemeinschaft.
Internationale Kulturprogramme geraten leicht in eine vertraute Falle: Eine einzelne Künstlerin oder ein einzelner Künstler soll plötzlich ein ganzes Land verständlich machen. „Haribo Kimchi“ wählt einen persönlicheren Weg. Jaha Koo spricht aus seiner Biografie, nicht als Stellvertreter für alle Menschen aus Südkorea oder alle Erfahrungen von Migration.
Auch die koreanische Küche erscheint nicht als abgeschlossenes Paket, das dem Publikum vollständig erklärt und überreicht werden könnte. Sie wird durch konkrete Erinnerungen, Widersprüche und Beziehungen erfahrbar. Das schützt die Aufführung vor einer einfachen Gleichung wie „Kimchi bedeutet Korea“.
Kulturelle Übersetzung gelingt oft besser, wenn sie ihre Grenzen offenlegt. Untertitel können Wörter zugänglich machen, aber nicht jede Assoziation übertragen. Ein Gericht kann geteilt werden, ohne dass alle dieselbe Erinnerung daran besitzen. Ein Lied kann berühren, obwohl seine Geschichte nicht vollständig bekannt ist.
Verstehen muss deshalb nicht Besitz bedeuten. Es kann eine Form des aufmerksamen Dabeibleibens sein.
Radio TerraTanica begegnet Musik aus vielen Regionen ebenfalls ohne ihre Gerüche, Räume und sozialen Zusammenhänge vollständig mitsenden zu können. Umso wichtiger ist redaktionelle Sorgfalt. Namen, Sprachen und Instrumente geben Orientierung. Geschichten können Nähe schaffen, solange sie nicht behaupten, eine Kultur abschließend zu erklären.
„Haribo Kimchi“ erinnert an diesem Montag daran, dass Heimat selten nur ein Punkt auf einer Landkarte ist. Sie kann in einem Rhythmus liegen, in einem Rezept, in einer Sprache, die sich im Mund anders anfühlt, oder im Geräusch einer Mahlzeit, die jemand für andere zubereitet.
Vielleicht entsteht Zugehörigkeit manchmal genau so: Eine kleine Theke wird beleuchtet. Jemand beginnt zu erzählen. Eine Pfanne zischt, eine künstliche Schnecke meldet sich zu Wort, und für siebzig Minuten öffnet sich zwischen fremden Menschen ein gemeinsamer Raum.
Nicht alle darin erinnern sich an dasselbe. Aber alle können zuhören.
Geschrieben von: TerraTanica
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