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Wenn das Schicksal auf Rädern kommt

today22. August 2026

Hintergrund

„Kismat Walla“ macht aus Puppenspiel, Rhythmus und Bewegung eine offene Geschichte über Zufall, Begegnung und die Kunst des gemeinsamen Erzählens

Heute ist Samstag, der 22. August 2026. Im Londoner Greenwich Park setzt sich ein farbenfroher Wagen in Bewegung. Er führt das Publikum zunächst auf einem kurzen Weg zu seinem Spielort, öffnet sich dort zur Bühne und bringt eine kleine Welt zum Vorschein: Puppen, bemalte Bildrollen, Stoffe, Musik und zwei Erzähler, die einen jungen Mann auf der Suche nach seinem Schicksal begleiten.

Die 35-minütige Produktion „Kismat Walla“ von Thingumajig Theatre wird heute um 13.40 Uhr und 15.50 Uhr bei der Greenwich Fair gezeigt. Der Eintritt ist frei. Das Festival empfiehlt das stark visuell erzählte Straßentheater für Kinder und Familien; für die spätere Vorstellung ist eine Live-Übersetzung in britische Gebärdensprache angekündigt.

Schon die Form des Stücks erzählt etwas Wesentliches: Geschichten müssen nicht an einem festen Ort warten, bis das Publikum zu ihnen kommt. Sie können auf Rädern reisen, Menschen unterwegs einsammeln und sich dort entfalten, wo sich für einen Moment ein Kreis bildet.

Was bedeutet es, das eigene Schicksal zu suchen?

„Kismat“ bezeichnet im Stück das Schicksal, nach dem der junge Held sucht. Die Handlung führt ihn durch eine Welt, in der sich Wege kreuzen, Fremde einander begegnen und das Glück jederzeit die Richtung wechseln kann. Die Festivalankündigung beschreibt die Atmosphäre als von südasiatischen Straßenmärkten inspiriert: belebt, farbenreich und voller Möglichkeiten.

Doch ein Markt ist nicht nur eine schöne Kulisse. Er ist ein Raum des Austauschs. Waren, Nachrichten, Gerüche, Klänge und Geschichten wandern zwischen Menschen. Man hört Rufe, handelt, wartet, beobachtet und lässt sich überraschen. „Kismat Walla“ übersetzt diese soziale Energie in eine mobile Theaterform. Der Wagen ist Transportmittel, Bühne und Bilderkasten zugleich.

Gerade im Puppenspiel bekommt die Suche nach dem Schicksal eine besondere Leichtigkeit. Eine Figur aus Holz oder Stoff kann stolpern, verschwinden und in veränderter Gestalt wieder auftauchen. Sie darf übertreiben, ohne dass ihre Gefühle unwahr werden. Humor schafft dabei keine Distanz zur Geschichte. Er öffnet einen Zugang zu Fragen, die auch Erwachsene kennen: Wie viel unseres Weges bestimmen wir selbst? Welche Begegnung verändert alles? Und erkennen wir eine Chance, wenn sie vor uns steht?

Eine Produktion mit vielen Handschriften

Hinter dem kleinen mobilen Kosmos steht eine auffallend vielstimmige Zusammenarbeit. Nach den Produktionsangaben von Thingumajig Theatre wurde das Stück von Reyyan Hammad gestaltet; die Puppen und Bühnenbilder entstanden gemeinsam mit Andrew und Kathy Kim. Vidya Patel entwickelte die Choreografie. Die Musik stammt von Kathy Kim, ergänzt durch das Trommelspiel von Nirmal Chohan. Govi Asano malte die Chitrakathi-Bildrolle, die eine weitere visuelle Erzählebene in die Aufführung bringt.

Auch die Angaben von Without Walls machen diese gemeinsame Autorenschaft sichtbar. Sie nennen Reyyan Hammad als künstlerische Leitung der ersten großen Produktion, die Hammad innerhalb des Ensembles verantwortet. Auf der Bühne stehen Hammad und Akash Heer beziehungsweise Thomas Byrne. Entwickelt wurde die Arbeit im National Centre for Arts in Public Spaces, 101 Outdoor Arts; mehrere Festivals und Kulturorganisationen haben ihre Entstehung beauftragt oder unterstützt.

Solche Angaben wirken auf den ersten Blick vielleicht technisch. Tatsächlich erzählen sie aber, wie kulturelle Arbeit entsteht. „Südasiatisch inspiriert“ bleibt hier nicht bloß eine dekorative Beschreibung. Gestaltung, Choreografie, Trommelspiel, Malerei, Textilarbeit und Darstellung tragen jeweils eigene Kenntnisse bei. Sichtbar wird kein einzelnes Genie, das sich eine fremde Welt ausdenkt, sondern ein Netzwerk von Menschen, Materialien und Künsten.

Das ist für Weltmusik und interkulturelle Kulturarbeit ein wichtiges Prinzip. Respekt zeigt sich nicht nur im Thema eines Werks. Er zeigt sich auch darin, wer gestalten darf, wessen Name genannt wird und ob verschiedene künstlerische Sprachen wirklich Einfluss auf die Form bekommen.

Musik, die den Figuren Boden gibt

In einem visuellen Straßentheater übernimmt Musik mehrere Aufgaben zugleich. Sie setzt Bewegungen in Gang, markiert Wendepunkte und hält die Aufmerksamkeit eines Publikums, das nicht hinter einer geschlossenen Saaltür sitzt. Ein Trommelschlag kann eine Figur ankündigen, Spannung verdichten oder einen komischen Moment genau landen lassen. Rhythmus gibt den Puppen Gewicht: Holz scheint zu atmen, Stoff beginnt zu tanzen, ein kleiner Schritt wird zum Ereignis.

Musik kann außerdem dort verbinden, wo nicht alle dieselbe gesprochene Sprache teilen. Das bedeutet nicht, dass Klang überall automatisch dasselbe ausdrückt. Musikalische Zeichen sind kulturell geprägt und werden unterschiedlich gehört. Aber Rhythmus, Bewegung und sichtbare Reaktion schaffen eine gemeinsame Situation, in der Bedeutung miteinander ausgehandelt werden kann.

„Kismat Walla“ ist deshalb interessant für ein Radio, obwohl es ein stark visuelles Stück ist. Auch im Radio entsteht aus einzelnen Elementen eine bewegliche Bühne: Eine Stimme öffnet einen Raum, ein Instrument verändert die Blickrichtung, ein Rhythmus nimmt uns mit. Wir sehen die Figuren nicht, und doch tragen Klänge Bilder in unsere Vorstellung.

Zugänglichkeit gehört zur Erzählweise

Die heutige Greenwich Fair läuft von 13 bis 18 Uhr und versammelt kostenloses Straßentheater, Zirkus, Tanz und Spiele rund um die Anhöhe im Greenwich Park. Für „Kismat Walla“ kündigt das Festival neben der BSL-Übersetzung eine Audiodeskription am Sonntag an. Alle Vorstellungen des Wochenendes sind als „relaxed“ ausgewiesen: Besucherinnen und Besucher dürfen sich bewegen, Geräusche machen sowie jederzeit kommen und gehen.

Beim heutigen Stück beginnt Zugänglichkeit schon in der künstlerischen Form. Der Wagen bewegt sich zum Publikum, die Erzählung arbeitet stark mit Bildern, und eine kurze Dauer erleichtert Familien den spontanen Besuch. Zugleich ersetzt das eine nicht das andere. Eine visuelle Aufführung braucht Audiodeskription, und ein Familienangebot wird durch Gebärdensprache für mehr Menschen erfahrbar. Offenheit entsteht aus vielen konkreten Entscheidungen.

Dabei darf auch Leichtigkeit ernst genommen werden. Kulturelle Vielfalt wird oft erst dann öffentlich verhandelt, wenn es um Konflikte, Ausgrenzung oder Verlust geht. Diese Themen brauchen Raum. Ebenso wichtig sind jedoch Fantasie, Witz, handwerkliche Schönheit und das Recht, einfach gemeinsam über eine eigensinnige Puppe zu lachen. Freude ist keine oberflächliche Zugabe zur Kultur. Sie ist eine Weise, Zugehörigkeit zu erleben.

Die nächste Begegnung kann alles verändern

Am Ende bleibt das Bild eines Wagens, der weiterziehen kann. „Kismat Walla“ wird nach Greenwich an weiteren Orten gespielt; seine kleine Bühne lässt sich immer wieder neu öffnen. Das Publikum wechselt, Umgebungsgeräusche mischen sich anders ein, und jede Begegnung verändert die Aufführung ein wenig.

Vielleicht liegt darin eine schöne Antwort auf die Frage nach dem Schicksal. Es ist weder nur ein fertiger Plan noch bloßer Zufall. Es entsteht auch aus Beziehungen: aus dem Moment, in dem jemand eine Geschichte anbietet und andere stehen bleiben; aus Händen, die eine Puppe bauen; aus einem Rhythmus, der Schritte zusammenführt; aus einer Bildrolle, die sich vor neuen Augen entfaltet.

Eine weltoffene Kultur muss nicht behaupten, alle Geschichten vollständig zu kennen. Sie kann damit beginnen, aufmerksam zu werden, Namen zu nennen und verschiedene Formen des Wissens nebeneinander wirken zu lassen. Manchmal genügt dafür ein großer Konzertsaal. Und manchmal braucht es nur einen bemalten Wagen, zwei Spieler und einen freien Platz unter Bäumen.

Quellen

Geschrieben von: TerraTanica

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