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Wenn Zukunft eine Stimme bekommt

today15. September 2026 5

Hintergrund
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Max Richters angekündigtes Album „While The Flood Rages“ verbindet Orchester, Chor und Elektronik mit einer literarischen Zukunftsvision – und stellt die Frage, wie wir einander in Zeiten der Veränderung zuhören.

Ein Roman kann eine Welt beschreiben, die es noch nicht gibt. Er kann ihre Regeln erklären, Gedanken offenlegen und zeigen, welche Entscheidungen sie hervorgebracht haben. Musik arbeitet anders. Sie kann Spannung aufbauen, Nähe entstehen lassen oder einen vertrauten Zusammenhang verändern, ohne dafür eine ganze Geschichte aussprechen zu müssen.

Zwischen diesen Möglichkeiten bewegt sich Max Richters angekündigtes Album „While The Flood Rages“. Es soll am 16. Oktober 2026 bei Decca Records erscheinen. Die Mitteilung auf der Universal-Music-Plattform grains vom 9. September bestätigt außerdem die bereits veröffentlichte erste Single „Now We Can Sing“. Offizielle Albumankündigung

Für unseren Beitrag am heutigen 15. September ist das ein Anlass, den Weg hinter der Veröffentlichung anzuschauen: von Literatur zu Bewegung und von einer Bühnenarbeit zu einem Album, das für sich stehen soll.

Eine Romanwelt wird körperlich

Ausgangspunkt ist das Ballett „MaddAddam“ von Wayne McGregor. Es bezieht sich auf Margaret Atwoods Romantrilogie „Oryx and Crake“, „The Year of the Flood“ und „MaddAddam“. Das National Ballet of Canada und The Royal Ballet gaben die Produktion gemeinsam in Auftrag; die Premiere fand am 23. November 2022 in Toronto statt. Atwood wirkte als kreative Beraterin mit, Richter schrieb die Musik. Produktionsgeschichte bei Studio Wayne McGregor

Die offizielle Beschreibung nennt Aussterben und Erfindung, menschliche Überheblichkeit und Menschlichkeit als Themen. Schon dieser Rahmen verbindet große Zukunftsfragen mit dem, was auf einer Bühne besonders unmittelbar ist: Körper, die sich zueinander verhalten.

Im Tanz kann eine Distanz sichtbar werden, bevor sie erklärt ist. Eine Gruppe kann zusammenfinden, auseinandergehen oder eine einzelne Person zurücklassen. Das Publikum sieht Beziehungen in Bewegung. Es muss dafür nicht jede Einzelheit der literarischen Vorlage kennen.

Diese Offenheit ist eine Stärke solcher Übersetzungen zwischen den Künsten. Zugleich verändert jeder Schritt das Werk. Was im Roman durch einen inneren Monolog verständlich wird, braucht auf der Bühne vielleicht einen anderen Zugang. Eine Bearbeitung trifft Entscheidungen darüber, welche Fragen sie weiterverfolgt.

Die Musik verlässt die Bühne

Für „While The Flood Rages“ hat Richter das Material nach Angaben von grains zu einem eigenständigen Album umgearbeitet. Angekündigt sind 15 Stücke mit Orchester, Chor, Elektronik und bearbeiteten Feldaufnahmen. Das dreiteilige Werk beschäftigt sich mit ökologischer Krise, technologischer Beschleunigung und menschlicher Verbindung. Konzept und Besetzung

Damit verändert sich auch unsere Rolle beim Hören. Auf der Bühne lenken Licht, Bewegung und räumliche Anordnung die Aufmerksamkeit. Zu Hause oder im Radio entstehen die Bilder stärker aus dem Klang selbst und aus den Erfahrungen, die wir mitbringen.

Ein Titel kann dabei eine Richtung anbieten. Er legt aber nicht fest, was jede Person empfinden muss. Wer eine Musik mit dem Wissen um ihre literarische Herkunft hört, wird möglicherweise andere Verbindungen entdecken als jemand, der ihr zunächst ohne Erklärung begegnet. Beide Zugänge dürfen nebeneinander bestehen.

Ein erstes Zeichen vom Ende

Die Vorabsingle besitzt eine besondere Position: „Now We Can Sing“ steht laut Ankündigung am Ende des Albums. Das vom Chor geprägte Stück nimmt Atwoods Text auf und ein wiederkehrendes Klaviermotiv, das sich durch das Werk zieht. Hintergrund zur Single

So beginnt die öffentliche Begegnung mit der neuen Platte bei ihrem Schluss. Das ist eine interessante Einladung. Wir erhalten einen Ausschnitt, dessen vollständigen Zusammenhang wir erst später kennenlernen können.

Der Titel lässt sich zugleich als Frage lesen: Wer ist dieses „Wir“? Was macht gemeinsames Singen möglich? Ein Chor kann Verbundenheit hörbar machen, doch sein gemeinsamer Klang entsteht aus einzelnen Stimmen. Sie müssen sich aufeinander beziehen und gleichzeitig ihren eigenen Beitrag tragen.

Diese Gedanken sind keine vorweggenommene Bewertung des noch unveröffentlichten Albums. Sie ergeben sich aus der angekündigten Form und dem Titel der Single. Wie die musikalischen Teile tatsächlich zusammenwirken, wird sich erst mit dem gesamten Werk beurteilen lassen.

Zukunft hören, ohne sie festzulegen

Künstlerische Zukunftsbilder können einen Raum öffnen, in dem wir gegenwärtige Fragen anders betrachten. Sie liefern keine Messdaten und ersetzen keine sachliche Auseinandersetzung. Ihr eigener Beitrag liegt darin, Beziehungen erfahrbar zu machen: zwischen Angst und Handlung, Einzelnen und Gemeinschaft, Erinnerung und Veränderung.

Für Radio TerraTanica gehört auch diese Begegnung zum Blick auf internationale Kultur. Hier kommen eine kanadische Autorin, eine britisch-kanadische Ballettproduktion und die Musik eines Komponisten in einer Arbeit zusammen, die verschiedene Ausdrucksformen durchläuft. Die Zusammenarbeit besteht nicht nur aus Namen in den Credits. Sie verändert, wie eine Geschichte erzählt werden kann.

Das angekündigte Album lädt uns deshalb zu einer offenen Hörhaltung ein. Wir können den Hintergrund kennenlernen und trotzdem zulassen, dass ein Klang eine unerwartete eigene Bedeutung bekommt.

Noch liegt das vollständige Werk vor uns. Eine erste Stimme ist bereits hörbar – mit einem Titel, der gemeinsames Singen als Möglichkeit in den Raum stellt. Vielleicht beginnt genau dort eine produktive Frage an die Zukunft: Wem hören wir zu, und mit wem möchten wir sie gestalten?

Quellen

Recherchestand: 15. September 2026. Der Beitrag ist eine Vorschau auf das angekündigte Album, keine Rezension des vollständigen Werks.

Geschrieben von: TerraTanica

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