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Die Welt passt nicht in einen Stand

today5. September 2026

Hintergrund

Beim Embassy Festival in Den Haag begegnen sich heute Musik, Tanz und Diaspora – eine Einladung, hinter Länderetiketten die Menschen und ihre gegenwärtigen Geschichten wahrzunehmen

Heute ist Samstag, der 5. September 2026. Auf der Lange Voorhout in Den Haag stehen Marktstände unter den Bäumen, zwischen ihnen zwei niedrig gebaute Bühnen. Um 12 Uhr schlägt Maâlem Rida Stitou die ersten Töne auf der Guembri an. Später folgen japanisches Taiko, ukrainischer und lettischer Chorgesang, georgische Mehrstimmigkeit, rumänische Panflöte, kamerunische Rhythmen, Tanz aus Kosovo und vieles mehr.

Das Embassy Festival findet heute von 12 bis 20 Uhr statt; der Eintritt ist frei. Die Stadt Den Haag spricht bei der 14. Ausgabe des Festivals von kulinarischen und kulturellen Präsentationen aus 47 Ländern. Das offizielle Programm verteilt Musik, Tanz, Workshops und Vorführungen auf die „Folk in Motion Stage“, den „Harmony Hub“ und den International Market.

Der Name des Festivals weckt das Bild einer diplomatischen Leistungsschau: Länder präsentieren sich, Fahnen geben Orientierung, ein „Activity Passport“ sammelt Stempel. Doch das musikalische Programm erzählt eine interessantere Geschichte. Viele der auftretenden Gruppen sind keine Ensembles, die für einen Tag eingeflogen werden. Sie bestehen aus Menschen, die in den Niederlanden oder anderswo in Europa leben und dort ihre Musik weitertragen, verändern, unterrichten und mit neuen Nachbarschaften teilen.

Die Welt kommt also nicht nur zu Besuch. Ein Teil von ihr ist längst da.

Ein Land ist kein Genre

Auf einem Festivalplan sind Länderbezeichnungen praktisch. Sie helfen dem Publikum, Namen einzuordnen und einen ersten Weg durch das Programm zu finden. Gleichzeitig können sie eine falsche Eindeutigkeit erzeugen. „Musik aus Georgien“, „Tanz aus Kamerun“ oder „Kultur aus Mexiko“ klingt schnell so, als gäbe es pro Land einen typischen Rhythmus, ein repräsentatives Kostüm und eine einzige gemeinsame Geschichte.

Kein Staat ist musikalisch so geschlossen. Grenzen umfassen unterschiedliche Regionen, Sprachen, Minderheiten, Städte und ländliche Räume. Menschen wandern, Instrumente reisen und Repertoires verändern sich. Auch der Begriff „Tradition“ benennt kein fertiges Paket. Er beschreibt Beziehungen zwischen Menschen, die etwas lernen, auswählen und weitergeben.

Das Bühnenprogramm des Embassy Festivals lässt diese Vielfalt zumindest stellenweise sichtbar werden. Xochiquetzal zeigt nicht einfach „mexikanischen Tanz“, sondern drei Tänze aus der Küstenregion Sinaloa. Mariana Preda bringt die rumänische Nai, eine Panflöte, in ein Programm zwischen traditioneller, klassischer und zeitgenössischer Musik. Ensemble Sakartvelo singt mehrstimmiges georgisches Repertoire und begleitet sich auf Panduri und Chonguri. Namen von Regionen, Instrumenten und Ensembles öffnen die großen Länderetiketten ein Stück weit.

Genauigkeit ist keine trockene Zusatzinformation. Sie ist eine Form des Respekts. Wer ein Instrument beim Namen nennt, hört anders hin. Wer weiß, dass ein Ensemble in Amersfoort oder Amsterdam probt, sieht keine zeitlose Folklorekulisse mehr, sondern kulturelle Arbeit in der europäischen Gegenwart.

Die Diaspora steht nicht zwischen zwei Welten

Besonders deutlich wird das bei der Manyu Women Association Europe. Um 16 Uhr treten Frauen auf, die heute in verschiedenen europäischen Ländern leben und durch Tanz ihre Manyu-Herkunft miteinander verbinden. Der Festivaltext beschreibt Gemeinschaft, gegenseitige Unterstützung und Beziehungen zu den Herkunftsorten als Teil ihrer Arbeit.

Eine solche Gruppe ist weder eine unveränderte Kopie eines Ensembles „von zu Hause“ noch bloß eine europäische Neuschöpfung. Ihre Praxis entsteht aus Erinnerungen, Reisen, Familienbeziehungen, Probenräumen und dem Alltag an neuen Wohnorten. Die häufig gebrauchte Formulierung „zwischen zwei Welten“ ist dafür zu eng. Menschen leben nicht in einem leeren Spalt zwischen sauber getrennten Kulturen. Sie knüpfen Verbindungen, in denen mehrere Orte gleichzeitig Bedeutung haben.

Auch der lettische Chor LVkorisNL versammelt laut Programm Sängerinnen und Sänger aus den gesamten Niederlanden. Das georgische Ensemble Sakartvelo gehört zum Georgian Cultural Center in the Netherlands, das seine Aufgabe ausdrücklich darin sieht, die georgische Diaspora zu verbinden und Kultur durch Unterricht, Konzerte und gemeinsame Projekte zugänglich zu machen. Das Festival zeigt damit nicht nur Herkunft. Es zeigt Infrastruktur: Vereine, Kulturzentren, Chorproben und langjährige Beziehungen, ohne die ein kurzer Bühnenauftritt gar nicht möglich wäre.

Wenn solche Ensembles unter einem Ländernamen angekündigt werden, vertreten sie nicht automatisch alle Menschen dieses Landes. Sie bringen eine konkrete Perspektive mit: die ihrer Mitglieder, ihres Repertoires und ihrer Lebenswege. Gerade diese Begrenzung macht die Begegnung glaubwürdig.

Eine niedrige Bühne verändert den Blick

Die Organisatoren haben die Bühnen in diesem Jahr nach eigenen Angaben niedriger gebaut und mitten zwischen den Marktständen platziert. Die offizielle Stadtseite betont, dass Aufführungen dadurch näher an das Publikum rücken sollen.

Eine niedrige Bühne löst Fragen kultureller Repräsentation nicht automatisch. Sie entscheidet nicht, wer eingeladen wird, wie viel Zeit eine Gruppe erhält oder wie ihr Auftritt angekündigt wird. Aber sie verändert eine körperliche Beziehung: Musikerinnen, Tänzer und Publikum sehen einander nicht nur aus großer Distanz. Übergänge zwischen Aufführung, Gespräch und Mitmachen können leichter werden.

Bei Djembé Band Zamana aus dem kamerunischen Kontext gehört diese Beteiligung ausdrücklich zum Auftritt. Das Publikum darf klatschen, tanzen und Rhythmen aufnehmen. Grupo Cultural Ritmo Dominicano verbindet Merengue und Bachata ebenfalls mit Interaktion. Solche Einladungen können eine erste Schwelle senken. Wer einen Rhythmus mitträgt, erlebt Musik nicht mehr nur als ausgestelltes Objekt.

Mitmachen ist jedoch nicht dasselbe wie Beherrschen. Ein kurzer Workshop überträgt keine ganze Tradition und gibt niemandem das Recht, sie anschließend für sich zu beanspruchen. Im besten Fall vermittelt er etwas Wertvolleres: Aufmerksamkeit für Bewegung, Timing und die Anleitung durch Menschen, die mit dieser Praxis vertraut sind.

Was ein „Reisepass“ kann – und was nicht

Das Festival wirbt mit einer Reise um die Welt an einem einzigen Tag. Kinder und Erwachsene können einen kostenlosen „Activity Passport“ nehmen, Stationen besuchen und Stempel sammeln. Das ist ein spielerischer Weg, Neugier zu wecken. Er birgt zugleich eine Versuchung: Kultur erscheint als Reihe schnell konsumierbarer Ziele – ein Geschmack hier, ein Foto dort, anschließend weiter zum nächsten Land.

Auch der International Market arbeitet zwangsläufig mit Verdichtung. Ein Stand soll in wenigen Metern etwas über ein ganzes Land erzählen. Essen, Kunsthandwerk, Kleidung und Spiele werden zu gut sichtbaren Einladungen. Das kann Gespräche eröffnen. Es kann aber ebenso den Eindruck verstärken, kulturelle Vielfalt bestehe aus „Signature Dishes“, bunten Gegenständen und leicht erkennbaren Symbolen.

Entscheidend ist, was nach dem ersten Reiz geschieht. Wer hat das Gericht gekocht? Aus welcher Region stammt es? Wird es in Familien unterschiedlich zubereitet? Wer hat das Lied ausgewählt? Was bedeutet ein Kleidungsstück für die Person, die es trägt? Ein Stand wird zur Begegnung, wenn Menschen nicht nur etwas zeigen, sondern sprechen können – und wenn Besucher bereit sind, länger als einen Stempel lang zuzuhören.

Der Pass sollte deshalb nicht beweisen, wie viele Kulturen jemand an einem Nachmittag „geschafft“ hat. Schöner wäre er als Erinnerung an offene Türen. Ein Name, ein Instrument oder ein Gespräch darf später weiterführen.

Vom Guembri-Ton bis zum Taiko-Ensemble

Der musikalische Tag beginnt um 12 Uhr mit Maâlem Rida Stitou. Er wuchs nach Angaben des Festivals in Tanger mit der Gnawa-Tradition auf und lernte sie seit seinem zehnten Lebensjahr. Stimme, Guembri, Trommeln und metallene Kastagnetten verbinden sich in seinem kurzen Eröffnungsauftritt. Das Wort „Maâlem“ ist dabei kein Künstlername für einen exotischen Effekt, sondern eine Bezeichnung, die auf Erfahrung und musikalische Verantwortung verweist.

Zwei Stunden später tritt Circle Percussion auf. Das niederländische Ensemble wurde bereits 1973 gegründet und beschäftigte sich zunächst mit zeitgenössischer Perkussion. Die eigene Geschichte der Gruppe beschreibt die Begegnung mit japanischem Taiko als späteren, prägenden Entwicklungsschritt; 1983 spielte das Ensemble beim Holland Festival auf japanischen Instrumenten.

Auf dem Embassy Festival steht Circle Percussion unter der Zuordnung „Japan“. Die Biografie der Gruppe macht diese einfache Beschriftung komplizierter – und gerade dadurch interessanter. Hier spielen niederländische Perkussionisten eine Praxis, die sie über Jahrzehnte gelernt und in ihren eigenen musikalischen Zusammenhang gebracht haben. Für respektvolle Vermittlung ist diese Beziehung wichtig: Woher stammt die musikalische Form? Von wem wurde gelernt? Welche Veränderungen entstanden auf dem Weg?

Kultureller Austausch wird nicht dadurch glaubwürdig, dass Herkunft verschwiegen wird. Er gewinnt an Tiefe, wenn Lernwege benannt werden.

Wenn Stimmen mehr als Fahnen erzählen

Chöre sind für ein Festival dieser Art besonders aufschlussreich. Eine Fahne ist stumm und eindeutig. Eine Gruppe von Stimmen ist beziehungsreich und nie vollkommen identisch.

KORALI singt ukrainische Volkslieder a cappella in zeitgenössischen Arrangements. Die Sängerinnen tragen laut Programm Kleidung aus unterschiedlichen Regionen der Ukraine. LVkorisNL verbindet lettische Volkslieder mit neueren Chorarrangements. Ensemble Sakartvelo lässt Stimmen in charakteristischer Mehrstimmigkeit aneinanderreiben und wieder zusammenfinden.

In all diesen Fällen ist das Gemeinsame nicht mit Gleichförmigkeit zu verwechseln. Ein Chor entsteht, weil einzelne Stimmen lernen, aufeinander zu reagieren. Manche tragen eine Melodie, andere halten einen Ton, setzen einen rhythmischen Impuls oder erzeugen Spannung. Vielleicht liegt darin ein passendes Bild für kulturelle Vielfalt: nicht viele Flaggen, die nebeneinander unbewegt bleiben, sondern Unterschiede, die einander hören müssen.

Das bedeutet auch, dass Harmonie nicht immer sanft klingen muss. Begegnung darf Reibung enthalten. Sie wird nicht besser, wenn jede Differenz in ein freundliches Bühnenbild aufgelöst wird.

Die letzte Session gehört dem Dazwischen

Um 19.15 Uhr endet das Programm mit den „Embassy Sessions“. Die niederländische Folkband Yellofox öffnet eigene Lieder für Musikerinnen und Musiker aus verschiedenen Traditionen. Der Auftritt ist als einmalige Zusammenarbeit angekündigt.

Solche Begegnungen werden gern mit dem Wort „Fusion“ zusammengefasst. Doch ein gemeinsames Stück ist nicht automatisch ein gleichberechtigter Dialog. Entscheidend bleibt, wer musikalische Entscheidungen trifft, wessen Ton sich anpassen muss und ob alle beteiligten Stimmen mehr sein dürfen als ein kurzer Farbakzent.

Das Ergebnis des heutigen Abends steht noch nicht fest. Gerade das ist seine Chance. Eine Session kann hörbar machen, wie Menschen einander vorsichtig Raum geben, eine Phrase aufnehmen oder eine ungewohnte Form nicht sofort glätten. Sie kann auch scheitern. Begegnung ist kein fertiger Zustand, sondern eine Arbeit des Zuhörens.

Radio ohne Länderregal

Auch Radio TerraTanica ordnet Musik. Ländernamen, Regionen und Genres helfen bei der Orientierung. Doch sie dürfen nicht zu Schubladen werden, in denen ein Titel stellvertretend für Millionen Menschen steht.

Eine gute Moderation kann die Beschriftung öffnen: Sie nennt Musikerinnen und Musiker, Instrumente, Sprachen und heutige Wohnorte. Sie sagt, wenn ein Ensemble in der Diaspora entstanden ist oder eine Tradition über konkrete Lehrer weitergegeben wurde. Und sie lässt Raum für Biografien, die sich nicht auf einen einzigen Herkunftspfeil reduzieren lassen.

Das Embassy Festival bietet heute eine große, farbenreiche Einladung. Seine stärksten Momente entstehen vermutlich nicht dort, wo „die Welt“ scheinbar handlich in 47 Stände passt. Sie entstehen dort, wo diese einfache Ordnung durch Menschen lebendig und widersprüchlich wird.

Jemand bleibt vor einer Bühne stehen. Ein Instrument bekommt einen Namen. Eine Sängerin erzählt, wo ihr Chor jede Woche probt. Ein Kind lernt einen Schritt und merkt, dass er schwieriger ist, als er aussah. Aus einem Länderetikett wird eine Beziehung – klein, unvollständig und doch wirklich.

Die Welt passt nicht in einen Festivaltag. Aber ein Festivaltag kann uns lehren, ihr genauer zuzuhören.

Quellen

Alle Quellen wurden am 5. September 2026 geprüft.

Geschrieben von: TerraTanica