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Wer erzählt im Konzertsaal?

today20. August 2026

Hintergrund

Indigene Dichtung und zeitgenössische Orchestermusik öffnen heute in Edinburgh neue Räume des Zuhörens

Heute ist Donnerstag, der 20. August 2026. In der Usher Hall beim Edinburgh International Festival spielt das Orchestre symphonique de Montréal unter Rafael Payare das Programm „Voices of Canada“. Der Titel steht im Plural – und das ist entscheidend. Denn Kanada besitzt ebenso wenig wie irgendein anderes Land nur eine musikalische Stimme.

Der Konzertabend verbindet zwei neue Vokalwerke über Erinnerung, Verlust und indigene Selbstbehauptung mit Gabriela Ortiz’ Cellokonzert „Dzonot“ und Richard Strauss’ großer Tondichtung „Ein Heldenleben“. Sopranistinnen, Dichterinnen, Komponierende, eine Cellistin und ein Sinfonieorchester treten miteinander in Beziehung. So entsteht ein Programm, das nicht einfach unterschiedliche Werke nebeneinanderstellt, sondern fragt: Wer erzählt Geschichte? In welcher Sprache? Und was verändert sich, wenn ein großer Konzertsaal wirklich zuhört?

Eine Sprache wird nicht nur vertont

Den Auftakt bildet „You Can Die Properly Now“ von Ana Sokolović nach einem Text der Mi’kmaq-Künstlerin Michelle Sylliboy. Die Sopranistin Emma Pennell singt das Werk in Mi’kmaq; englische Übertitel machen den Text für das Publikum zugänglich.

Nach Angaben des Edinburgh International Festivals entstand die Komposition aus einer direkten Zusammenarbeit zwischen Sokolović und Sylliboy. Ausgangspunkt des Gedichts ist die schmerzhafte Erinnerung an indigene Kinder, die ihren Familien entzogen und in kanadische Residential Schools gebracht wurden, aus denen viele nicht zurückkehrten. Sylliboys Text setzt dem Verstummen einen Trauerprozess entgegen und besteht auf Aufmerksamkeit, Erinnerung und Würde.

Bemerkenswert ist, dass die Mi’kmaq-Sprache hier nicht erst am Ende in eine fertige musikalische Form eingesetzt wurde. Ihr melodischer Fluss, ihre Rhythmen und Akzente prägten laut Sokolović die Komposition. Sprache erscheint damit nicht als exotische Klangfarbe. Sie trägt eigenes Wissen über Ausdruck, Zeit und Bedeutung in das Orchester hinein.

Für ein internationales Publikum ist das eine wichtige Verschiebung. Übertitel helfen beim Verstehen, ersetzen aber nicht den Klang der ursprünglichen Worte. Wer zuhört, begegnet einer Sprache, ohne sie sofort vollständig besitzen oder übersetzen zu können. Auch darin liegt Respekt: Bedeutung erschließt sich nicht immer auf den ersten Blick – oder beim ersten Hören.

Eine Stimme gegen das Schweigen

Das zweite neue Vokalwerk heißt „Un cri s’élève en moi“. Der Métis-Komponist Ian Cusson vertont darin ein französischsprachiges Gedicht der Innu-Autorin Natasha Kanapé Fontaine. Gesungen wird es von der aus der Innu-Gemeinschaft Pessamit stammenden Sopranistin Elisabeth St-Gelais.

Das Werk blickt auf Verletzung und Enteignung, richtet seine Energie jedoch auf Geburt, Widerstandskraft und die Stärke indigener Frauen. Nach der Einführung des Festivals entstand auch diese Komposition in enger Verbindung von Text, Musik und den beteiligten Stimmen. Das ist mehr als Repräsentation auf einem Konzertplakat. Die Perspektive der Dichterin bildet das Zentrum des Werks.

Große Kulturinstitutionen sprechen gern davon, neuen Stimmen eine Bühne zu geben. Die Formulierung kann leicht übersehen, dass diese Stimmen längst existieren. Sie brauchen keine Erlaubnis, um gültig zu sein. Entscheidend ist vielmehr, ob Institutionen Raum, Mittel und Aufmerksamkeit so teilen, dass Künstlerinnen und Künstler ihre Geschichten selbst gestalten können.

„Voices of Canada“ ist deshalb kein vollständiges Porträt eines riesigen Landes. Das könnte ein einzelner Abend auch gar nicht leisten. Das Programm macht jedoch konkrete Namen, Gemeinschaften und Sprachen hörbar, statt „indigene Kultur“ als einheitliches Etikett zu behandeln.

Auch Landschaften haben eine Stimme

Mit „Dzonot“ der mexikanischen Komponistin Gabriela Ortiz weitet sich der Abend von menschlicher Erinnerung auf die natürliche Umwelt. Das für Alisa Weilerstein geschriebene Cellokonzert bezieht sich auf die unterirdischen Flüsse, Höhlen und Lebensräume der Halbinsel Yucatán. Ortiz beschreibt das Werk als Reaktion auf die Vernachlässigung dieser empfindlichen Ökosysteme.

Das Cello wird dabei zum Erzähler einer Landschaft, die größtenteils unter der sichtbaren Oberfläche liegt. Diese Idee passt zum übrigen Programm: Auch verdrängte Geschichte verschwindet nicht, nur weil sie lange nicht im Mittelpunkt stand. Sie wirkt weiter und verlangt Aufmerksamkeit.

Nach der Pause folgt Strauss’ „Ein Heldenleben“, ein monumentales musikalisches Selbstporträt aus dem europäischen Kernrepertoire. Gerade diese Nachbarschaft erzeugt eine produktive Spannung. Neben gemeinschaftlicher Erinnerung, indigener Dichtung und ökologischer Verantwortung steht das Bild des einzelnen Helden. Das Publikum kann beide Erzählweisen hören – und ihre unterschiedlichen Vorstellungen von Größe, Geschichte und Stimme miteinander vergleichen.

Zuhören ist eine kulturelle Praxis

Ein vielfältiges Musikprogramm entsteht nicht allein dadurch, dass möglichst viele geografische Herkunftsangaben auf einer Seite stehen. Es entsteht durch Beziehungen: zwischen Sprache und Komposition, zwischen Künstlerinnen und Institutionen, zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen einem Werk und seinem Publikum.

Auch Radio kann solche Beziehungen pflegen. Dazu gehört, Namen richtig auszusprechen, Herkunft nicht zur dekorativen Randnotiz zu machen und Musik nicht von der Geschichte zu trennen, aus der sie spricht. Vor allem braucht es Zeit. Ein Werk über Verlust sollte nicht zum kurzen exotischen Auftakt werden, bevor das vermeintlich „große“ Repertoire beginnt.

Der heutige Konzertabend in Edinburgh erinnert daran, dass Zuhören Verantwortung tragen kann. Wir müssen nicht jede Erfahrung teilen, um ihr Raum zu geben. Wir müssen nicht jede Sprache beherrschen, um ihren Klang ernst zu nehmen. Und wir müssen nicht auf eine einzige Stimme warten, die für alle spricht.

Manchmal beginnt kulturelle Nähe genau dort: wenn viele Stimmen nebeneinander hörbar bleiben – eigenständig, widersprüchlich und verbunden.

Quellen

Geschrieben von: TerraTanica

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