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TerraTanica One World, Many Cultures, Countless Sounds.
Heute ist Mittwoch, der 19. August 2026. Beim Schleswig-Holstein Musik Festival stehen innerhalb weniger Stunden drei Programme auf dem Spielplan, die ganz unterschiedliche Türen zur musikalischen Welt öffnen. In Norderstedt geht das Porter Percussion Duo mit Familien auf Rhythmusreise. In Schenefeld erklingen alte skandinavische Tänze und Lieder. In Husum zeigt Ksenija Sidorova, wie weit das Akkordeon reichen kann.
Marimba, Trommel, Nyckelharpa, Hardingfele und Akkordeon haben zunächst wenig gemeinsam. Doch jedes dieser Instrumente trägt Erfahrungen, Spielweisen und Erinnerungen weiter. Und jedes kann in neuen Händen andere Verbindungen eingehen. So werden Instrumente zu Reisepässen – nicht, weil sie ihre Herkunft abstreifen, sondern weil sie Begegnungen ermöglichen.
Um 16 Uhr lädt das Porter Percussion Duo im Kulturwerk am See in Norderstedt zum Familienkonzert „Mit Rhythmus um die Welt“ ein. Vanessa Porter und Elisa Lázaro Hernando richten sich mit ihrem Programm an Kinder ab sechs Jahren. Die Reise führt laut Festivalankündigung unter anderem zu barocker Tanzeleganz aus Westeuropa, Tango-Klängen aus Argentinien, Trommelrhythmen vom Balkan und Marimba-Sounds aus Ghana.
Die spielerische Frage lautet: Wer besitzt den besten Rhythmus der Welt? Gerade weil sich darauf keine vernünftige Rangliste bauen lässt, ist sie ein guter Ausgangspunkt. Rhythmus ist keine sportliche Disziplin, bei der am Ende eine Kultur auf dem Siegerpodest steht. Er ist eine Art, Zeit gemeinsam zu gestalten – beim Tanzen, Arbeiten, Feiern, Erzählen oder Musizieren.
Für junge Ohren kann ein solches Konzert mehr sein als Unterhaltung. Es zeigt, dass Neugier nicht mit Vorwissen beginnt. Man darf zuerst staunen, einen Puls mitklopfen und Unterschiede wahrnehmen. Danach entstehen die Fragen fast von selbst: Wie wird dieses Instrument gebaut? Wer spielt es? Zu welchem Anlass erklingt es? Und warum fühlt sich ein bestimmter Rhythmus vertraut an, obwohl wir ihn vielleicht zum ersten Mal hören?
Am Abend folgt in der Bonifatiuskirche in Schenefeld „Nordic Sounds“. Das Ensemble The Curious Bards und die Mezzosopranistin Ilektra Platiopoulou widmen sich skandinavischer Musik des 18. Jahrhunderts. Nach Angaben des Festivals stammen Tänze und Lieder zum Teil aus wenig erforschten Manuskripten. Typische Instrumente wie die schwedische Nyckelharpa und die norwegische Hardingfele treffen dabei auf klassisches Barockinstrumentarium.
Die Nyckelharpa ist eine gestrichene Schlüsselfidel: Ein Bogen bringt ihre Saiten zum Klingen, während Tasten am Hals die Tonhöhe verändern. Smithsonian Folkways beschreibt sie als eng mit der schwedischen Spielmannstradition verbunden. In einem heutigen Konzert bleibt sie jedoch nicht bloß ein klingendes Ausstellungsstück. Die Musikerinnen und Musiker übersetzen Notizen aus Archiven in Atem, Bewegung und Gegenwart.
Zwischen einer alten Handschrift und einem heutigen Klang liegt immer Interpretation. Tempo, Artikulation, Verzierung und Zusammenspiel müssen entschieden werden. Das macht historische Musik nicht weniger authentisch. Es erinnert vielmehr daran, dass Überlieferung erst dann hörbar wird, wenn Menschen sie neu zum Leben erwecken.
Zeitgleich steht in der Husumer St. Marienkirche Ksenija Sidorovas ausverkauftes Solo-Recital „Grenzenlos“ auf dem Programm. Der angekündigte Bogen reicht von Johann Sebastian Bach über Sergey Akhunov und Montero bis zu Philip Glass. Das Festival weist auf eine Programmänderung hin; die aktuelle Fassung verbindet dennoch bewusst barocke Klarheit, zeitgenössische Klangflächen und Originalwerke für klassisches Akkordeon.
Kaum ein Instrument wird so schnell mit bestimmten Bildern verbunden wie das Akkordeon: Volksfest, Hafen, Tango, Musette, Tanzsaal. All diese Bezüge dürfen bleiben. Aber sie sind nicht das Ende seiner Geschichte. Sidorovas Programm behandelt das Instrument als ein vollständiges Klanguniversum – mit Atem, Wucht, Transparenz und feinen Farbübergängen.
Vielleicht liegt genau darin die Stärke eines Solokonzerts: Ein einziges Instrument bekommt genug Raum, um vertraute Erwartungen zu bestätigen und zugleich zu überschreiten. Das Neue verdrängt das Alte nicht. Es lässt uns genauer hören, wie vielseitig das vermeintlich Bekannte schon immer war.
Begriffe wie „Weltmusik“, „nordisch“ oder „traditionell“ können Orientierung geben. Sie können aber auch sehr unterschiedliche Geschichten in eine einzige Schublade legen. Ein respektvolles Hören bleibt deshalb konkret. Es fragt nach Namen, Orten, Instrumenten, Gemeinschaften und musikalischen Zusammenhängen.
Die heutigen Programme bieten dafür drei Zugänge. Das Familienkonzert beginnt beim unmittelbaren Körpergefühl des Rhythmus. „Nordic Sounds“ führt in Archive und regionale Spieltraditionen. „Grenzenlos“ zeigt, wie ein einzelnes Instrument Repertoiregrenzen überquert. Gemeinsam erzählen sie keine einheitliche Geschichte der Musik. Sie zeigen vielmehr, wie viele Wege es gibt, einander klanglich zu begegnen.
Auch Radio kann solche Wege öffnen. Ein Stück muss nicht für eine ganze Region stehen. Es darf zunächst das Werk bestimmter Musikerinnen und Musiker sein – mit einer Herkunft, einem Titel und einer eigenen Geschichte. Wenn danach ein anderer Klang folgt, entsteht keine Rangliste, sondern ein Gespräch.
Vielleicht ist das die schönste musikalische Reise für diesen Mittwoch: nicht möglichst schnell „um die Welt“ zu kommen, sondern bei jedem Klang kurz anzuhalten. Zuhören. Den Unterschied achten. Die Verbindung spüren. Und dann mit offenen Ohren weiterziehen.
Geschrieben von: TerraTanica
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