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TerraTanica One World, Many Cultures, Countless Sounds.
Musik kann uns lange begleiten, obwohl der einzelne Ton längst verschwunden ist. Wir erinnern uns an eine Melodie, eine Stimme oder an die Menschen, mit denen wir zugehört haben. Etwas muss offenbar nicht dauerhaft bestehen, um Bedeutung zu gewinnen.
Heute, am Mittwoch, dem 7. Oktober 2026, erhält dieser Gedanke in Straßburg einen besonderen Rahmen. Um 20 Uhr sind Murat Coşkun und Beatriz Picas mit „Rhythms of Silence“ im Temple Neuf angekündigt. Den Termin bestätigt auch der Kalender des Duos. Während der Festivaltage entsteht dort ein Sandmandala. Laut Konzertankündigung der Sacrées Journées soll die Musik mit den daran arbeitenden Mönchen und dem Fortschreiten des Bildes in Dialog treten.
Vier Lamas aus dem Ngari-Institut in Saboo im indischen Ladakh gestalten das Mandala vom 6. bis 11. Oktober. Es ist dem Medizinbuddha gewidmet. Der Veranstalter erläutert, dass die Arbeit aus farbigen Sandkörnern am Ende wieder aufgelöst wird: Für Sonntag, den 11. Oktober, ist von 14 bis 16 Uhr die Abschluss- und Auflösungszeremonie vorgesehen.
Damit gehört das Verschwinden zum geplanten Verlauf. Das Festival beschreibt diese Auflösung im Zusammenhang mit der buddhistischen Vorstellung von Vergänglichkeit. Wer das Bild betrachtet, begegnet also einer religiösen Praxis mit einem bestimmten Sinnzusammenhang.
Diese Einordnung ist entscheidend. Die Farben können faszinieren, die Genauigkeit kann beeindrucken. Doch ein Sandmandala ist mehr als ein reizvolles Bühnenbild. Eine Begegnung mit ihm beginnt auch damit, den Menschen zuzuhören, die wissen, weshalb und wie sie es gestalten.
Coşkun und Picas bringen ein eigenes musikalisches Konzept mit. Auf ihrer Programmseite zu „Rhythms of Silence“ nennen sie wiederkehrende Melodien und Rhythmen sowie ihre persönliche Beziehung zu Naturklängen und Bewegungen als Ausgangspunkte. Coşkun spielt unter anderem Rahmentrommeln, Hang und Santur und setzt seine Stimme ein. Picas verbindet Cello, Gesang und Perkussion. Auch das Publikum wird zum Mitsingen eingeladen.
Wiederholung kann beim Hören unterschiedliche Wirkungen entfalten. Sie gibt Orientierung: Eine Figur kehrt zurück, und wir erkennen sie wieder. Zugleich lässt sie Veränderungen hervortreten. Ein anderer Anschlag, ein längerer Atem oder eine kleine Pause können plötzlich Gewicht bekommen, weil der Rahmen vertraut geworden ist.
Für den angekündigten Abend ist das eine interessante Hörperspektive. Wie verändert sich unsere Aufmerksamkeit, wenn wir einer musikalischen Bewegung folgen und zugleich sehen, wie langsam ein Bild entsteht? Vielleicht achten wir stärker auf Übergänge. Vielleicht bemerken wir, wie ungeduldig wir selbst werden. Eine bestimmte Erfahrung lässt sich daraus nicht versprechen. Der gemeinsame Raum gibt ihr lediglich eine Möglichkeit.
Die Verbindung von Konzert und Mandala wirft auch eine Frage auf: Wie können künstlerische und religiöse Praktiken einander begegnen, ohne dass ihre Eigenheiten verschwimmen?
Schon die Beschreibung macht einen Unterschied. Hier spielen zwei konkret benannte Musiker mit ihrem Programm. Dort arbeiten Lamas aus einer konkret benannten Institution an einem religiös bestimmten Mandala. Diese Angaben helfen mehr als eine pauschale Erzählung von „östlicher Weisheit“ oder einem vermeintlich gemeinsamen Klang aller Religionen.
Ein musikalischer Dialog braucht keine Behauptung, dass alle Beteiligten dasselbe meinen. Er kann Raum dafür schaffen, dass verschiedene Bedeutungen nebeneinander bestehen. Das Publikum darf sich berühren lassen und zugleich anerkennen, dass es nicht jeden Zusammenhang kennt.
Auch das Wort Stille im Programmtitel bleibt offen. Im Konzert kann es die Pause zwischen zwei Klängen bezeichnen, eine konzentrierte Aufmerksamkeit oder einen Moment ohne eigenes Singen. Welche religiöse Bedeutung Stille für einzelne Menschen besitzt, lässt sich daraus nicht ableiten. Gerade diese Offenheit macht eine sorgfältige Begegnung möglich.
Die 14. Ausgabe der Sacrées Journées läuft vom 5. bis 18. Oktober 2026 unter dem Thema „Chemins de lumière“, Wege des Lichts. Das Festival bringt Musik unterschiedlicher spiritueller Traditionen in verschiedene Gotteshäuser und versteht seine Arbeit als Beitrag zum kulturellen und interreligiösen Austausch.
Solche Orte sind keine neutralen Konzertsäle. Menschen verbinden mit ihnen Gebet, Gemeinschaft, Lebensgeschichten und persönliche Erinnerungen. Wer als Gast eintritt, bringt wiederum eigene Erwartungen mit. Ein Konzert kann diese Beziehungen sichtbar machen, wenn der Ort ebenso ernst genommen wird wie die auftretenden Künstler.
Für Besucherinnen und Besucher bietet das Programm weitere Zugänge: Heute ist von 15 bis 16.15 Uhr ein Mandala-Workshop für Kinder und Erwachsene angekündigt. Die Festivalübersicht nennt außerdem für morgen, den 8. Oktober, um 20 Uhr einen Vortrag mit Michel Jermann im FEC über Sinn und Bedeutung des Mandalas. Anschauen, Fragen und Zuhören können sich so ergänzen.
Radio hält Musik verfügbar. Ein Stück kann erneut gespielt werden, eine Aufnahme über Jahre hinweg Menschen erreichen. Gerade deshalb lohnt es sich, auch das Einmalige einer Aufführung wahrzunehmen: die geteilte Zeit und die Aufmerksamkeit, die niemand nachträglich genau so wiederherstellen kann.
Der heutige Abend in Straßburg bietet dafür einen konkreten Anlass. Musik begegnet einer Arbeit, deren Ende bereits zu ihrem Entstehen gehört. Für Radio TerraTanica liegt darin eine Einladung, Klänge mit Geduld zu begleiten und ihre Zusammenhänge zu benennen.
Ein Ton muss nicht bleiben, um etwas zu hinterlassen. Manchmal bleibt die Art, wie wir ihm zugehört haben.
Alle Quellen wurden am 7. Oktober 2026 geprüft. Dieser Beitrag ist eine Vorschau auf das angekündigte Programm, keine Aufführungsrezension.
Geschrieben von: TerraTanica
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