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TerraTanica One World, Many Cultures, Countless Sounds.
Wer bestimmt auf einer Bühne den nächsten Einsatz? Vielleicht die Partitur, vielleicht ein Atemzug oder eine Bewegung. In dieser scheinbar kleinen Frage steckt eine größere: Wer gestaltet ein Werk mit, und wessen Ausdruck erhält Raum?
Heute, am 23. September 2026, ist der Internationale Tag der Gebärdensprachen. Er liegt in der Internationalen Woche der gehörlosen Menschen vom 21. bis 27. September. Die British Deaf Association beschreibt diese Woche als eine von gehörlosen Menschen getragene Feier von Identität, Kultur und Menschenrechten. Für einen Musikblog ist das ein Anlass, auch auf jene künstlerischen Stimmen zu schauen, deren Sprache sichtbar wird.
Ein Beispiel dafür bietet das diesjährige Beethovenfest in Bonn. Für den 9. September stand in der Brotfabrik das ensemble in transition im Programm: Désirée Hall an der Flöte, Maren Schwier als Sopranistin, Larissa Nagel am Cello und Kassandra Wedel mit Gebärdenpoesie und Tanz. Hall verantwortet außerdem Konzept und künstlerische Leitung.
Angekündigt waren Werke von Alexander Reiff und Gerhard Müller-Hornbach, darunter Reiffs „Echo“. Die Besetzung verbindet Stimme und Instrumente mit einer tanzenden Gebärdensolistin. Damit begegnen sich Ausdrucksformen, die unterschiedliche Wege zum Publikum nehmen.
Im Festivalporträt von Merle Krafeld wird der Ansatz genauer: Gebärdenpoesie ist eine eigenständige Kunstform. Für „Echo“ hielt Wedel einen Monolog in Gebärdensprachgrammatik schriftlich fest; diese Arbeitsgrundlage floss in die Partitur ein. Das Stück bezieht sich auf eine Erzählung aus Michael Endes „Der Spiegel im Spiegel“. Akustisches Echo und sichtbare Spiegelung werden dabei aufeinander bezogen. Wedel beschreibt zudem eine Szene, in der sich die Musizierenden an ihren Bewegungen orientieren. Visuelle und akustische Gestaltung sollen jeweils für sich funktionieren und miteinander in Beziehung treten. Zugänglichkeit gehört hier bereits zur künstlerischen Entwicklung.
Gerade der Richtungswechsel ist interessant. Wenn Instrumentalistinnen einer gebärdenden Künstlerin folgen, wird ihre Bewegung zu einer musikalisch wirksamen Entscheidung. Sie beeinflusst den gemeinsamen Verlauf. Aus der Frage, wie ein fertiges Werk zugänglich werden kann, entsteht eine weitere: Welches Werk kann überhaupt erst durch diese Zusammenarbeit entstehen?
Das verlangt Aufmerksamkeit auf beiden Seiten. Gemeinsam auf einer Bühne zu stehen bedeutet noch nicht, einander künstlerischen Spielraum zu geben. Dafür müssen Entscheidungen verhandelbar sein: über Dauer und Übergänge, über Blickrichtungen, über den Moment, in dem eine Person übernimmt und eine andere wartet.
Ein solches Verständnis von Zusammenspiel reicht weit über dieses Ensemble hinaus. Auch bei Begegnungen verschiedener Musiktraditionen lohnt es sich zu fragen, wer die Form vorgibt. Darf ein ungewohnter Ausdruck den Ablauf verändern? Oder darf er lediglich eine bereits festgelegte Rolle ausfüllen?
Das Bonner Programm machte diese Unterscheidung konkret sichtbar. Für den Einlass und das Gespräch nach der Aufführung waren Dolmetschende für Deutsche Gebärdensprache angekündigt. Auf der Bühne gehörte Gebärdensprache zugleich zur künstlerischen Arbeit selbst.
Beides ist wichtig. Die Verständigung über Einlass, Fragen und Diskussion schafft Zugang zur Veranstaltung. Die Mitgestaltung des Werks eröffnet künstlerische Autorenschaft. Wer nur auf die erste Aufgabe schaut, kann die zweite leicht übersehen.
Für Kulturredaktionen ergibt sich daraus eine praktische Frage: Beschreiben wir gehörlose Künstlerinnen und Künstler vor allem im Zusammenhang mit Barrieren? Oder sprechen wir ebenso sorgfältig über ihre Formen, Entscheidungen und Werke? Ein Porträt sollte neugierig auf die Kunst machen und die Person als Urheberin ernst nehmen.
Die World Federation of the Deaf stellt ihre diesjährige Aktionswoche unter das Motto „Declaring Deaf People’s Human Rights“. Für Freitag, den 25. September, betont sie die Beteiligung gehörloser Menschen und ihrer Organisationen an Entscheidungen. Am Samstag, dem 26. September, richtet sich der Blick ausdrücklich auf gehörlose Kultur als Menschenrecht.
Auf den Kulturbetrieb übertragen, entsteht daraus eine anspruchsvolle Einladung: Mitsprache beginnt bereits dort, wo Programme entworfen und Arbeitsweisen festgelegt werden. Wer erst zur fertigen Veranstaltung hinzukommt, kann deren Grundform kaum noch verändern. Wer von Beginn an beteiligt ist, kann andere Fragen stellen – und andere Kunst ermöglichen.
Für Radio TerraTanica berührt dieses Thema auch die Grenzen des eigenen Mediums. Eine reine Tonübertragung kann Gebärdenpoesie nicht vollständig vermitteln. Diese Grenze anzuerkennen gehört zu einer genauen Beschreibung der Kunst.
Ein begleitender Blog kann Künstlerinnen nennen, ihre Arbeit erläutern und zu ihren visuellen Ausdrucksformen hinführen. Dabei sollte er keine vollständige Erfahrung versprechen. Eine Beschreibung kann Orientierung geben; die Begegnung mit dem Werk besitzt ihre eigene Qualität.
Der heutige Tag lädt deshalb zu einer offenen Frage ein: Welche künstlerischen Beziehungen entdecken wir, wenn wir Musik auch von ihren sichtbaren Nachbarn her betrachten? Vielleicht verändert sich dann schon unser Blick auf den nächsten Einsatz. Eine Hand bewegt sich. Ein Instrument antwortet. Beide gestalten, wie es weitergeht.
Geprüft am 23. September 2026. Der genannte Beethovenfest-Termin war am 9. September; Grundlage dieses Beitrags sind das Veranstaltungsprogramm und das veröffentlichte Künstlerporträt, keine eigene Aufführungsbeobachtung.
Geschrieben von: TerraTanica
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